Hamburger Gast

Hamburger Gast

Schall und Rauch

hamburger gast 2018Posted by Tilman Strasser Wed, September 26, 2018 13:00:59
In Hamburg hörte ich auf zu rauchen, und es gibt wenig, was in dieser Stadt weniger sinnig ist, hier rauchen alle. Alle. Alle stehen an der nächsten Ecke oder der übernächsten und pusten genüsslich köstliche Schwaden in die Luft. Und dann gucken sie wieder, wenn man schnuppernd stehenbleibt, tief inhaliert, sich ihren Dampf zufächelt, blasierte Luxusschmaucher allesamt, die einem nicht mal ihren Lungenabfall gönnen. Dafür quarzen sie in jedem Szeneladen, so dass der Teer fürs Schulterblatt mit Keschern aus der Luft gefischt statt mühsam herangekarrt wurde – wer was auf sich hält, zündet sich eine an der nächsten an und die Nächte in der Hansestadt sind durchsetzt von glutenden Glühwürmchen. Fluppen. Kippen. Sie stecken in aschgrauen Fressen, die Damen tragen nikotingelben Teint, die Herren blutleere Lippen zu qualmblauen Augenringen, während ich mich meiner rosigen Wangen schäme, peinlich berührt bin ob der zunehmend weißen Nägel und Zähne und mir zuweilen mit Dotter gelblichen Belag auf die Zunge schummle, um nicht gar so sehr aufzufallen. Das schlimmste aber ist das Gefühl, diese plötzliche Gesundheit, die nach mir greift, eine grässliche Frische, die durch die Bronchien zieht, ein widerlich vitaler Puls, selbst das liebgewonnene Prickeln und Stechen im linken Arm verklingt langsam, es geht mir so gut, ich könnte kotzen. Und finge am liebsten jetzt statt gleich wieder mit dem Tabak an, allein, ich habe gehört, wer schreiben will, muss leiden, und da mir kein anderes Gebrechen gegeben ist, da sonst kein Schicksalsschlag sich meiner erbarmt, darbe ich nun mit schweinchenrosa Atemwegen der Unsterblichkeit entgegen.

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