Hamburger Gast

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Wetterwette

hamburger gast 2018Posted by Tilman Strasser Mon, September 24, 2018 19:36:32
Ende Juli kam ich nach Hamburg und es herrschte mal wieder der heißeste Sommer aller Zeiten. Menschen irrten durch die Straßen, verglichen das Ausmaß ihrer Sonnenbrände, betranken sich zur Mittagszeit und grillten, bis der Rost durch war. Auf die Frage nach dem Warum gaben alle dieselbe Antwort: Es handle sich um den letzten schönen Tag des Jahres. Um den handelt es sich seitdem: Immerhin über fünfzig Tage bin ich nun in der Stadt, und jede und jeder sagt jeden Tag, es sei vermutlich der letzte schöne, wahrscheinlich der letzte schöne, ernsthaft der letzte schöne, der letzte schöne aller Zeiten. Die Hamburgerinnen und Hamburger sind begabte Apokalypter, denen der Niederschlag (der ja quantitativ nicht größer ist als der in München, Köln oder Berlin, sich aber über größere Zeiträume verteilt) in die Seele getröpfelt ist. Weshalb sie zwar widerständige und stolze, schöne und empathiebegabte nordische Naturen geworden sind, aber eben auch mit einem grundsätzlichen Misstrauen gegen Sonnenschein ausgestattet. Wie zu oft Verlassene, die irgendwann jede neue Romanze mit mehr Wehmut als Leidenschaft beginnen, schließlich endet sie aller Voraussicht nach auch wieder, irgendwann. Und natürlich liegen sie damit nicht falsch, und natürlich war der Sommer auch wirklich mindestens der heißeste aller Zeiten, und natürlich kann es nicht schaden, sich auch ein wenig auf den Herbst vorzubereiten, und natürlich hat andernorts auch schon mal jemand mit gerunzelten Brauen in den trügerisch klaren Himmel geblickt, aber alles, was ich sagen will, ist: Hätte nicht ständig alle Welt den wirklich allerletzten schönen Tag herbeigefaselt, wäre es jetzt sicher nicht SO KALT.

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