Hamburger Gast

Hamburger Gast

Das Hafermilch-Paradoxon

hamburger gast 2018Posted by Tilman Strasser Wed, August 29, 2018 21:34:16
Hamburger Baristas sind ein stolzes Volk. Viele tragen ungezähmte Frisuren. So sah ich gestern erst wieder eine Hünin hinter dem Tresen, die ihrer Haarmenge zu gleichen Teilen durch Dreads, einen Undercut und einen getrimmten Pony Herrin zu werden versuchte, ohne nennenswerten Erfolg. Vorgestern rührte mir einer mit solchem Ingrimm den Crema zurecht, dass der Silberlöffel Macken davontrug, und noch Anfang vergangener Woche schob mir ein anderer ungerührt die Tasse entgegen, an der ich mir gleich darauf Verbrennungen zweiten Grades zuzog, während er bereits die nächste in kochendem Wasser spülte. Dabei wollte ich stets Caféhausliterat ob des geruhsamen Lebensstils werden, doch in der Hansestadt ist das eine Existenz auf Adrenalin. Was allein an den Amazonen und Spartanern liegt, die hinter den fahl beleuchteten Glastheken, hinter den dreimal gewaschenen Kuchenstücken und herablappenden Sandwiches, hinter Flyerstapeln und Stickerkaskaden und einer rostigen Kassenkassette die heiße, koffeinhaltige Ware zubereiten. Alles habe ich diese Heldinnen und Helden schon stemmen sehen, geifernd schäumende Latte-macchiatos, Espressi, die mehr Dichte als Masse hatten, Cookies in der Größe von Wagenrädern. Stets ereilt mich dabei das gleiche Bild von den Kaffeearbeiterinnen und -arbeitern, die morgens durch die Moore und Steppen vor Hamburg ziehen, sich zusammenschließen auf dem schweigenden Marsch in die Stadt, dabei mit starrer Miene einige Klabautergeister erwürgen und pünktlich in ihren Klitschen eintreffen, wenn der Rest der Welt gerade erst die Glieder streckt, während sie bereits das schwarze Gebräu in großen Kesseln anrühren, Pulversäcke aufreissen und in die Töpfe schütten und dabei die ein- oder andere Prise in ihre Nebenhöhlen schniefen, Filtertaschen in der Größe von Schultüten aufpfropfen und sich ein letztes Mal die Schultern aus- und wieder einkugeln bevor der Kundenansturm eintrifft. Legenden sind es, die ihren Dienst am kaffeesüchtigen Pöbel in unerschütterlichem Gleichmut verrichten, und nur mit einem habe ich sie je aus der Fassung gebracht, das allerdings in schöner Regelmäßigkeit: Mein Wunsch nach Hafermilch lässt die Baristaaugen verächtlich blitzen, entlockt den wulstigen Lippen eine Zuckung, sorgt zuweilen für einen abschätzigen Laut. Hafermilch. Was daran liegt, das ihrer aller Vorfahr einst eine Haferflocke auf die Ferse fiel, als er im Mokka-Ursud badete, und seitdem all seine Nachkommen an dieser Flanke verwundbar sind, aber was soll ich machen, Soja schmeckt zu süß, Mandel zu herb, normale Milch zu fettig, ich hätte gern Hafermilch, sie bieten es an, sie knurren dabei und ich schlürfe mein Heißgetränk in eiskalter Angst.



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