Hamburger Gast

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Neue Freunde

hamburger gast 2018Geschrieben von Tilman Strasser Sa, August 25, 2018 20:23:12
Mal was ganz anderes: Normalerweise bin ich Zeitungsleser, enthusiastischer zudem. Doch das Abonnement nach Hamburg umzuleiten, schien kompliziert, und, da sich im Vorwerkstift 30 Parteien einen namenlosen Briefkasten teilen, auch wenig erfolgsversprechend. Für die Stipendiumszeit steige ich deshalb auf die Tagesschau um und habe viele neue Freunde. Sie heißen Astrid Vits oder André Schünke und wir können über alles reden, zumindest, soweit es die Weltlage betrifft (aber das ist ja schon mal eine Menge). Tatsächlich meinte ich bislang, weder anfällig für soziale Störungen noch für Wahnvorstellungen zu sein. Doch durch die frühmorgendliche Konfrontation mit Jens Riewa und Karolin Kandler habe ich offenbar die entsprechenden Sicherheitsprotokolle meines Kleinhirns umgangen. So fühlt es sich an, als würden Susanne Stichler und Claus-Erich Boetzkes nicht in einem mainz, mainz entfernten Studio Texte von Telepromptern ablesen, sondern kämen auf einen Kaffee in die Küche geschlürft, um über die Situation in Venezuela oder das Problem mit Agrarsubventionen zu diskutieren, ungewöhnlich gut gekleidet zwar, aber am Küchentisch wundert man sich ja über gar nichts mehr. Und so freue ich mich stets, wenn Jan Hofer vorbeikommt, dessen sonore Stimmlage von keinem indonesischen Erdbeben erschüttert werden kann. Sieht mir Thorsten Schröder mit dieser streberhaften Aufgewecktheit entgegen, schiebe ich ihm die Butter rüber, in der Hoffnung, dass ihn das ins rutschen bringt. Wie alle Menschen bin ich Judith Rakers hilflos ausgeliefert und schüttele manchmal, wenn sie etwas sagt, einfach nur kritisch den Kopf, um nicht allzu blöd dazustehen. Und Linda Zervakis scheint mir immer viel zu streng mit sich zu sein, weshalb ich ihr nach jedem Satz aufmunternd zunicke, denn das hat sie toll gemacht, die Linda. Ein wenig wundere ich mich, dass sie alle immer einzeln hereinschneien, als wären wir nicht ein großer Freundeskreis, als gäbe es Streit zwischen ihnen und ich sei der einzige, mit dem sich jede und jeder noch verstünde. Aber nicke ich nach dem sechsten Croissant noch einmal ein, kehrt endlich Harmonie zurück in unsere Clique. Dann hocken Astrid und André, Jens und Karolin, Susanne, Claus-Erich und Thorsten im Schneidersitz auf dem Boden und debattieren lachend über die Krise von Donald Trump, Judith kommt ein bisschen später, schüttelt entschuldigend ihr Haar und versucht, nicht zu bemerken, dass alle den Faden verlieren und so tun, als wäre ihnen gar nicht aufgefallen, dass sie den Faden verlieren, bis Jan aus dem Nebenzimmer hereintrottet, sich in die Mitte fallen lässt und nach Grog verlangt, denn er hat schon so lang keinen Grog mehr getrunken, und bevor die ganze Bande aufspringen und Grog für Jan besorgen kann, muss ich leider einschreiten, denn ich liebe die Leute, aber sie können unmöglich den ganzen Tag bei mir in der Bude abhängen, klar, die Weltlage, aber ich habe einfach auch noch etwas zu tun.

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