Hamburger Gast

Hamburger Gast

Bergedorfer Bälle

hamburger gast 2018Posted by Tilman Strasser Wed, August 29, 2018 21:33:39
In Bergedorf wäre Jesus kaum aufgefallen. Hier geht man standardmäßig übers Wasser, und der Erlöser hätte für seine Zirkusnummer höchstens noch nachträglich 6,50 € berappen müssen. Soviel kosten 8 Minuten auf dem Schlossgraben-Nass, und Gottes Sohn hätte weder Studenten- noch Gruppenrabatt gekriegt (es sei denn, er hätte die Jünger mitgebracht, Gruppen beginnen ab fünf Personen). Die Bergedorfer Bälle werben für „einen unvergesslichen Spaziergang auf dem Wasser“ und stellen zu diesem Zwecke durchsichtige Plastikgebilde bereit, die im besten Fall an einen Ball, im schlechtesten an einen lieblos gehackten Wurststumpen erinnern. Sie werden mit Luft und anschließend mit Menschen befüllt, vorzugsweise solchen, die anständig kreischen können, und alles zusammen lässt man dann an einer Leine auf das Gewässer hinaus, wo die primäre Beschäftigung der Passagiere darin besteht, durch eifriges Strampeln nicht vom Fleck zu kommen. Dabei allerdings dankenswert häufig auf die Nase zu fliegen, was alle am Ufer gebliebenen reichlich entschädigt. Strenggenommen müsste man von denen sogar Tribut für die Show verlangen, da war Jesus schon weiter. Überhaupt ist es ein milder Trost, sich die unwürdige Hampelei gebannt in Ölfarben an irgendeiner Kirchendecke vorzustellen, allein, weil das Gelärme dann andächtig verhallte. Verewigen möchte das Schauspiel als erstes die moderne Soziologie, die ja alles mit dem Modell der Blase erklärt und so die perfekte Verbildlichung ihrer Thesen gefunden hätte. Aber die in durchsichtigen Hüllen über einen traurigen Tümpel Dümpelnden gäben für schier jede Disziplin großartiges Anschauungsmaterial, bis hin zur antiken Philosophie, die sich ihre Höhlengleichnisse hätte sparen können. Wie steht das Ich in der Welt? Wie der Bergedorfer im Wasserball. Nur der Biologie gibt die Attraktion Rätsel auf, namentlich jenes, wie beziehungsweise wie lange geatmet werden kann in so einem Gebilde, ohne dass das Ding untergeht. Und obgleich es einigermaßen faszinierend ist, dass man die Attraktion zerstört, indem man sie erlebt, werde ich mich dem Mysterium nicht auf die Spur begeben, ich bin hier nur der Stadtschreiber.

  • Comments(0)//news.hamburger-gast.de/#post112

Hamburger Haare

hamburger gast 2018Posted by Tilman Strasser Sat, August 25, 2018 20:24:52
Man würde sie zerzauster erwarten, zerwuschelter, eben windfrisiert, man wünschte sie sich wirbelnder, man erhoffte sie wilder, man mutmaßte, sie wären zäher, dicker, entschlossen gebündelt, gerafft, gegelt, womöglich mit seemännischer Präzision gescheitelt, fast ersehnte man, sie würden Kapitänskappen bauschen, unter Hafenarbeitermützen hervorquellen, Piratenhüte erobern, und blonder, blonder glaubte man sie obendrein, doch sind es letztlich dieselben Haare wie überall auch.

  • Comments(3)//news.hamburger-gast.de/#post110

Hamburger Hunde

hamburger gast 2018Posted by Tilman Strasser Sat, August 25, 2018 20:24:24
Zottig sind sie, gern sind sie groß und nicht selten klemmen sie die eigene Zunge in den Maulwinkel wie ein siegreicher Hundeschulenrevolutionär, doch das ist noch nicht das, was sie von ihren Artgenossen in Pforzheim oder Panama unterscheidet. Ob Pudel oder Polizeiköter, sie buddeln und bellen, schnüffeln und scheißen wie überall. Was aber den hanseatischen Huskie vom Lindauer Labrador wie vom Regensburger Retriever trennt, ist der Laufstil: In dieser Stadt wird getappst, getrottet, geschritten zuweilen auch. Ge(h)mächlich geht’s jedenfalls zu, wo in Köln Vierbeiner tendenziell trippeln, in München getreulich bei Fuß hecheln, in Berlin athletisch umherstreunen. Hier sind sie Halsbandanhänger einer anderen Bewegungsphilosophie, die davon, Achtung, ausgeht, dass jederzeit einer Brise oder einem Schauer widerstanden werden muss, dass man die aufregendsten Dinge im Leben schon längst gesehen, gehört, gerochen hat, dass im Zweifelsfall aber auch immer noch eine Fischfrikadelle vom Laster fällt, die dann aufgeschnappt und weggehappst werden kann, und wenn noch eine Möwe hintendrein fliegt, dann frisst man die eben auch.



  • Comments(0)//news.hamburger-gast.de/#post109

Kiezbegehung

hamburger gast 2018Posted by Tilman Strasser Sat, August 25, 2018 20:23:44
Der Freier, der mich „Arschloch“ nennt, weil ich ihn zu lange ansehe.
Die Freudenfrau, die mich „Arschloch“ nennt, weil ich sie nicht lange genug ansehe.
Der Hotdog-Verkäufer, der mir einen Hotdog anbietet. „Hotdog?“, fragt er, „Nein, danke“, sage ich, „Alles klar“, sagt er, „Arschloch“.

  • Comments(0)//news.hamburger-gast.de/#post108

Neue Freunde

hamburger gast 2018Posted by Tilman Strasser Sat, August 25, 2018 20:23:12
Mal was ganz anderes: Normalerweise bin ich Zeitungsleser, enthusiastischer zudem. Doch das Abonnement nach Hamburg umzuleiten, schien kompliziert, und, da sich im Vorwerkstift 30 Parteien einen namenlosen Briefkasten teilen, auch wenig erfolgsversprechend. Für die Stipendiumszeit steige ich deshalb auf die Tagesschau um und habe viele neue Freunde. Sie heißen Astrid Vits oder André Schünke und wir können über alles reden, zumindest, soweit es die Weltlage betrifft (aber das ist ja schon mal eine Menge). Tatsächlich meinte ich bislang, weder anfällig für soziale Störungen noch für Wahnvorstellungen zu sein. Doch durch die frühmorgendliche Konfrontation mit Jens Riewa und Karolin Kandler habe ich offenbar die entsprechenden Sicherheitsprotokolle meines Kleinhirns umgangen. So fühlt es sich an, als würden Susanne Stichler und Claus-Erich Boetzkes nicht in einem mainz, mainz entfernten Studio Texte von Telepromptern ablesen, sondern kämen auf einen Kaffee in die Küche geschlürft, um über die Situation in Venezuela oder das Problem mit Agrarsubventionen zu diskutieren, ungewöhnlich gut gekleidet zwar, aber am Küchentisch wundert man sich ja über gar nichts mehr. Und so freue ich mich stets, wenn Jan Hofer vorbeikommt, dessen sonore Stimmlage von keinem indonesischen Erdbeben erschüttert werden kann. Sieht mir Thorsten Schröder mit dieser streberhaften Aufgewecktheit entgegen, schiebe ich ihm die Butter rüber, in der Hoffnung, dass ihn das ins rutschen bringt. Wie alle Menschen bin ich Judith Rakers hilflos ausgeliefert und schüttele manchmal, wenn sie etwas sagt, einfach nur kritisch den Kopf, um nicht allzu blöd dazustehen. Und Linda Zervakis scheint mir immer viel zu streng mit sich zu sein, weshalb ich ihr nach jedem Satz aufmunternd zunicke, denn das hat sie toll gemacht, die Linda. Ein wenig wundere ich mich, dass sie alle immer einzeln hereinschneien, als wären wir nicht ein großer Freundeskreis, als gäbe es Streit zwischen ihnen und ich sei der einzige, mit dem sich jede und jeder noch verstünde. Aber nicke ich nach dem sechsten Croissant noch einmal ein, kehrt endlich Harmonie zurück in unsere Clique. Dann hocken Astrid und André, Jens und Karolin, Susanne, Claus-Erich und Thorsten im Schneidersitz auf dem Boden und debattieren lachend über die Krise von Donald Trump, Judith kommt ein bisschen später, schüttelt entschuldigend ihr Haar und versucht, nicht zu bemerken, dass alle den Faden verlieren und so tun, als wäre ihnen gar nicht aufgefallen, dass sie den Faden verlieren, bis Jan aus dem Nebenzimmer hereintrottet, sich in die Mitte fallen lässt und nach Grog verlangt, denn er hat schon so lang keinen Grog mehr getrunken, und bevor die ganze Bande aufspringen und Grog für Jan besorgen kann, muss ich leider einschreiten, denn ich liebe die Leute, aber sie können unmöglich den ganzen Tag bei mir in der Bude abhängen, klar, die Weltlage, aber ich habe einfach auch noch etwas zu tun.

  • Comments(0)//news.hamburger-gast.de/#post107

Bergedorfer Brachialbräunung

hamburger gast 2018Posted by Tilman Strasser Wed, August 22, 2018 22:22:41
An einem der letzten warmen Tage des Sommers 2018 verdörrte ein Mann im Park vor dem Bergedorfer Schloss. Er lag schon seit dem frühen Morgen im Gras, schneeweiß noch streckte er sich auf einem roten Handtuch, bekleidet lediglich mit einem Herrenslip, der Tropenmotive darbot. Die Hände hinter dem Kopf verschränkt bräunte er von Stunde zu Stunde, mit geschlossenen Augen im versteppenden Rasen, Passanten zogen kopfschüttelnd vorbei. Rentner verbarrikadierten sich unter Schirmen, Jugendliche pubertierten in doppeltem Tempo, Arbeitnehmer schwitzten sich durch ihre Mittagspausen und verloren bei einer Portion Spaghetti drei Kilo, doch der Mann lag ungerührt in praller Sonne. Am Nachmittag hatte seine Haut den Ton gegerbten Leders angenommen, und am frühen Abend schließlich fand ihn die Polizei in ewiger Entspannung am Grund festgetrocknet. Man befragte Anwohner und Passanten, doch niemand hatte etwas verdächtiges bemerkt. Die Beamten tappten im Dunkeln, bis sie den Stadtschreiber aufstöberten, einen nervösen jungen Mann, der von seinem Arbeitsplatz im Museum den perfekten Blick auf die Selbströstung gehabt haben musste. Sie befragten ihn intensiv, doch der Autor verweigerte empört jegliche Aussage: Er habe besseres zu tun, als den ganzen Tag aus dem Fenster zu schauen!


  • Comments(2)//news.hamburger-gast.de/#post106

Bergedorfer Bagatellen IV

hamburger gast 2018Posted by Tilman Strasser Wed, August 22, 2018 22:22:17
Der Obdachlose mit dem Rauschebart, der stets auf der Brücke sitzt, unter der Trauerweide, einen Finger an den Lippen, der summt, die Augen zusammenkneift, versunken in grimmiger Meditation. Und der heute fehlt, seine zusammengesunkene Gestalt stramm weggestanden von zwei Zeugen Jehovas, die Wachtürme verteilen, als hätten sie aus seiner trudelnden Erleuchtungssuche ein praktisches Print-Fazit gezogen.

  • Comments(0)//news.hamburger-gast.de/#post105

Bitte genießen Sie jetzt

hamburger gast 2018Posted by Tilman Strasser Wed, August 22, 2018 22:21:53
Lächerlich blauer Himmel, absurd säuselndes Wasser, dazwischen: Schaukelnde Rentner, die an Deck der Bergedorfer Barkasse ins dritte Pils schauen. Und die Frage, ob dieser So-leicht-werd-ich-mich-nicht-entspannen-immerhin-hab-ich-14-Euro-dafür-gezahlt-damit-das-jemand-für-mich-macht-Gesichtsausdruck etwas deutsches ist, etwas zeittypisches oder ein universelles Wunder.

  • Comments(0)//news.hamburger-gast.de/#post104
« PreviousNext »