Hamburger Gast

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Endlich Kunst

hamburger gast 2018Posted by Tilman Strasser Wed, August 15, 2018 16:49:18
Im Museum sitzen, das heißt auch: Kunst werden. Der Mensch passt sich seiner Umgebung an, und meine besteht aus Bildern und Ausstellungsstücken, und also gerinne ich Tag für Tag zum Exponat. Ein Hund lernt mit der Zeit, die Mimik seines Besitzers zu lesen. Ich lerne, den Blick Dietrich Soltaus standzuhalten, dessen Büste mich jedesmal streng mustert, wenn ich abschweife, die Konzentration verliere oder eine schnelle E-Mail schreibe. Letzthin habe ich gar zwei Minuten zurückgeblickt und ihn klammheimlich Didi genannt. Didi, du kennst halt nur Depeschen.
Für den Nervenkitzel im Museumsalltag sorgt die 17-Uhr-Schwelle. Um 17 Uhr nämlich werden die Räume scharf gestellt. Das bedeutet, dass der Alarm aktiviert wird und fortan jede Bewegung in den Ausstellungsräumen die Polizei zum Einsatz ruft. Was, wie die wunderbar muntere Direktorin Schanett Riller ausgerechnet hat, ein halbes Stadtschreibergehalt kosten würde. Die finanzielle Einbuße schreckt mich nicht, wohl aber die Ahnung, nach einer Nacht in der Bergedorfer Museumslandschaft endgültig zur eigenen Statue geworden zu sein. Hier sehen Sie eine Darstellung des Hamburger Gastes von 2018. Der Sage nach war er einst so tief in einen Text vertieft, dass er über Nacht eingesperrt wurde, am nächsten Tag fanden fleißige Mitarbeiterinnen nurmehr diese Skulptur, und sehen Sie mal, da krabbelt eine Spinne aus seinem Ohr, na, wir müssen hier auch mal wieder staubwischen, folgen Sie mir nun zu den Bergedorfer Surrealisten.
Weil ich die Reliefisierung auch tagsüber fürchte, flüchte ich ohnehin zuweilen vom Schreibtisch und suche das nahegelegene Sofa auf. Inmitten von Bildern, Didis durchdringender Musterung entronnen, schreibt’s sich unbeschwerter. Dumm nur, dass das Sofa arg bequem ist, so dass man, wenn man nicht aufpasst, in völlige Entspannung gleitet. Nicht nur, dass die Erzählungen dann nurmehr von Frieden, Liebe und backwarmen Caramellcroissants handeln, der schreibende Körper gleitet auch in eine Pose, die schlechterdings als lasziv beschrieben werden muss. Besucherinnen und Besucher des Museums reagieren verstört, finden sie inmitten expressiver Leinwände einen sich mit Laptop in blauen Polstern räkelnden Stadtschreiber vor. Dann bleibt nur, fröhlich „Guten Tag“ zu krähen und unerotische Socken zu tragen.
Das „Guten Tag“-Krähen hat sich ohnehin als ratsam erwiesen. Schließlich ist kaum jemand auf einen eifrig werkelnden Textschrauber in musealen Gegenden gefasst. Zudem schreckt mich die Vorstellung, für ein Objekt gehalten und heimlich angefasst zu werden, wie ich es bei einigen beobachtete, die vorsichtig mit dem Finger die ein- oder andere Leinwand betasteten. Freilich, ehe sie mich bemerkten. Ich krähte dann etwas später und etwas reservierter auch (und Didi guckte drohend dazu). Überhaupt kommt es zu interessanten Begegnungen, weil keine Etikette existiert für den Umgang mit Autoren in fachfremdem Terrain. Manche sehen sich bemüßigt, mir unversehens die Hand zu schütteln, andere schleichen dreimal misstrauisch um mich herum, ehe sie den Gruß erwidern, wieder andere betrachten mich lange und versonnen und wenden sich schließlich mit bildungsbürgerlichem Entzücken ab. Indes kommt noch niemand an die alte Dame heran, die zunächst fürchterlich erschrak, als sie um die Ecke bog und mich inmitten des Soltau-Zimmers arbeiten sah. Ebenso heftig lachte sie dann über ihre Reaktion, kramte minutenlang in ihrer Handtasche und streckte mir schließlich in freundlicher Überforderung einen Keks entgegen. Es war ein Karamellkeks, immerhin, und ich nahm ihn und dankte artig und verfütterte ihn an die Soltau-Büste, die die Hälfte auf die Dielen krümelte.



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