Hamburger Gast

Hamburger Gast

Doom

hamburger gast 2018Posted by Tilman Strasser Tue, August 07, 2018 16:32:10
Die Kindereisenbahn „Mini-Express“ verfügt noch über einen Raucherwagen. Neben den Gleisen stehen panisch grinsende Gartenzwerge Spalier und halten Verbotsschilder: „Nicht in den fahrenden Zug greifen!“ Als die Fahrt losgeht, sitzen drei Jungs und ein Mädchen in getrennten Waggons und betätigen mechanisch die darin angebrachten Glocken, während eine Elterntraube verzückt Fotos schießt. Ich bin auf dem Dom. Ich weiß nicht, warum.
Weiß ich schon: Weil ich für meinen ziellosen Stadtbummel einen anderen Rückweg wählte. Und schnurstracks zurück in die Zukunft getrottet war: Gleich am Eingang harft der schnauzbärtige Engel, vor dem ich schon als Kind Angst hatte, vor dem „Irrgarten mit Zauberspiegel“ und grantelt dazu (auf Bayerisch!). Er schielt immer noch und der Kiefer kaut Babyknochen. Meine Eltern fühlten sich einst verpflichtet, mit uns wenigstens einmal pro Jahr über das Oktoberfest zu laufen, obwohl sie es hassten. Jetzt, Dekaden später, fühle ich mich ihnen nah.
Allenthalben rammt mir ein Kinderwagen in die Hacken, doch das ist nichts gegen die Faustschläge, die man sich von reflexartig hervorschnellenden Selfie-Armen fängt. Sympathie erntet nur der einsamste Mann auf dem Rummel, der Gurkenverkäufer, der trübsinnig in seine Fässer blickt, weil er noch nie von den „mit Knobi“, „mit Senf“ und „mit Essig“ eingelegten Grünlingen verkauft hat. Nebenan kreischen routiniert die Achterbahnfahrer, und ein paar Meter weiter setzt im „Weingarten“ ein Pärchen zum Vollzug an: Gerade-noch-so-bekleidet drücken sie ihre von Riesling glühenden Gesichter aneinander und die Umsitzenden gaffen, als beobachteten sie das seltene Kopulations-Ritual der Buckelwale.
Vor einem Slushi-Stand üben Halbwüchsige das Flatrate-Saufen, einer leuchtet schon neongrün. Allenthalben schieben sich einem schwitzende Stoppelschädel ins Sichtfeld, weil Männer hier noch Männer sind, die anderen Männern den Weg abschneiden. Weicht man aus, stolpert man unweigerlich in eine Familienkrise, deren Einzelheiten von einem chronisch gutgelaunten Ansager übertönt und von der nächsten Bude mit Wolken aus Frittierfett verkleistert werden. Ein handbemaltes Zeichen weist darauf hin, dass hier für jeden etwas zu holen ist, auch: „Zahnfreundliche Mandeln – mit wenig Zucker und nicht so hart gebrannt“. Mitten in der Menge steht eine Frau im Pferdekostüm und verteilt Flugblätter, auf denen steht, dass Ponys bis zu 4,3 Kilometer weit hören können. Warum sie das tut, wird Meter später offenbar, wo eine Herde Ponys mit krakeelenden Quälgeistern auf ihren Rücken durch die Manege getrieben werden. Demonstranten blockieren den Eingang. Besucher umrunden sie. Der Betreiber zuckt mit den Schultern. Die Ponys zotteln los.
Zurück beim „Mini-Express“. Die wilde Fahrt ist vorbei und die Kinder müssen gewaltsam von den Glocken in ihren Abteilen getrennt werden. Ein kleines Mädchen lässt sich von ihrer Mutter aus dem Fahrgeschäft zerren und klagt, dass ihr schlecht sei: "Mama, können wir jetzt nachhause?" Aber die Mama schüttelt den Kopf. Der Spaß geht doch erst los.

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