Hamburger Gast

Hamburger Gast

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allgemein & aktuellPosted by Gast-Freund Fri, October 28, 2016 13:08:40
So viele schöne Texte VOM Hamburger Gast - und so viele schöne Texte ÜBER den Hamburger Gast.
FRANK KEIL vom Hinz und Kunzt hat sich mit Doris Konradi getroffen - und einen wunderbaren Artikel über sie geschrieben. Hier isser:

Unterwegs in der fremden Stadt der Eltern

Drei Monate ist die Kölner Schriftstellerin Doris Konradi in der Stadt. Fährt viel Bus, schaut sich um, schreibt auf, was ihr auf- und einfällt. Eine Begegnung mit Hamburgs diesjähriger Stadtschreiberin.

Die Stühle stehen hoch, die Bar hat noch nicht geöffnet. Der Kaffeeautomat mit Mahlwerk und Schäumer ist noch nicht eingeschaltet, die Eistruhe mit dem Eiskonfekt dafür abgeschlossen. Kein Gast weit und breit, aber in ein paar Stunden werden sich hier die Besucher tummeln, alle ein bisschen hübscher angezogen als normal, wie man das so macht, wenn man ins Theater geht.

In der Bar im ersten Stock des Ohnsorg Theaters gegenüber dem Hauptbahnhof ist einer der Arbeitsplätze von Doris Konradi, Stadtschreiberin von Hamburg für drei Monate: ein schlichter, viereckiger Bistrotisch, dazu ein Stuhl.

Manchmal wechselt sie den Tisch, wechselt die Blickrichtung. Schaut dann auf den verwaiste Tresen oder durch die Fenster in die Ernst-Merck-Straße.

Das Ohnsorg Theater und damit St. Georg ist ihre zweite Station. Im Oktober wird sie auf die andere Elbseite nach Harburg wechseln; im August war sie in Bergedorf, saß und arbeitete im dortigen Schloss, das ein Museum ist und manche Museumsbesucher hielten ihr ihre Eintrittskarte zum Abreißen hin. Ach so, eine Stadtschreiberin sei sie ... wie interessant!

Ist es interessant? Ja, schon. "Aber eigentlich ist es auch ganz normal und nicht weiter aufregend", sagt sie. "Ich sitze hier und schreibe." Wobei sie keinesfalls zu irgendetwas verpflichtet ist. Sie muss für die 1.500 Euro pro Monat plus eine kleine Wohnung im Vorwerkstift im Karolinenviertel als Unterschlupf, keine Hamburg-Geschichte abliefern, nicht den Entwurf für einen Hamburgroman. Aber einen Blog führt sie, garniert mit kurzen Eindrücken: Straßenszenen, Beobachtungen im Cafe, Überlegungen, wie lange in unseren Träumen wohl noch Telefone mit Wählscheiben vorkommen werden, wenn unser Unterbewusstsein telefoniert; ihr fällt das Geräusch der Rollen der Rollschuhe ein, damals 1973, als den Kindern während der autofreien Sonntage während der Ölkrise die Straßen gehörten, nachdem sie erfahren hat, dass bei Bergedorf Erdöl gefördert wird. Oder es finden sich Fotos: von der leeren Bar des Ohnsorg Theaters.

In ein paar Tagen will sie sich unten im Saal eine Vorstellung anschauen, die plattdeutsche Musicalversion des Fatih-Akin-Films "Soul Kitchen". "Mal sehen, ob ich überhaupt etwas verstehe."Sie kennt das Ohnsorg Theater aus dem Fernsehen, als sie Kind war, ihre Eltern haben es gern geguckt. Die kommen aus Hamburg, ihr Vater aus Wilhelmsburg und ihre Mutter aus Harburg. Sie selbst wird 1961 in Köln geboren, nachdem die Eltern dort hinzogen.

Lange hat sich Doris Konradi nicht ans Schreiben getraut. "Dabei wollte ich schon als Kind schreiben, dann als Jugendliche", sagt sie. Doch in ihrer Familie gibt es jede Menge solider Berufe, Juristen, Kaufleute; ihr Vater arbeitet anfangs am Jungfernstieg im Alsterhaus. Kaufleute jedenfalls, das sind solide Leute, die es zu was bringen, die einen guten Beruf haben. Da weiß man nicht nur hinterher, was man hat. Und so studiert sie nach der Schule Volkswirtschaft – und nicht Germanistik, was sie viel lieber getan hätte. Doch ihre Lust an den Buchstaben, an den Worten, an den Sätzen lässt sich auf Dauer nicht niederhalten. Und sie geht nicht in die Wirtschaft, sondern in die Kultur, managt etwa ein kleines Kölner Theater. Und dann fängt sie an zu schreiben – als die Kinder klein sind: "Meine Kinder waren sehr pflegeleicht", lacht sie. Die Größere ging in den Kindergarten, die Kleinere verschlief den Vormittag. "So hatte ich jeden Vormittag drei, vier Stunden Leerzeit."

Die sie nutzt. Sie schreibt eine Erzählung und reicht sie 2003 beim Bettina-von-Arnim-Preis ein, mit dem damals die Frauenzeitschrift Brigitte besonders unter ihren Leserinnen nach unentdeckten Talenten forscht: Sie erzählt von einer obdachlosen Frau, die immer mit ihrem Rucksdack und ihrem Schlafsack unter dem Arm in den Alltag einer bügerlich-idyllischen Familie einbricht, alle verwirrt wie becirct, bis sie eines Morgens wieder spurlos verschwindet. Vielleicht nun für immer.

Damit gewinnt sie auf Anhieb den dritten Preis, Verpflichtung weiterzuschreiben. Und: "Damals hat mich die Literatur das erste Mal nach Hamburg geholt." Ein erster Roman erscheint, ein zweiter – beide kreisen um Menschen, die normal ihr Leben leben wollen, doch in ihren Familien gibt es je ein Geheimnis, dass aufgeklärt werden will. "Ich habe irgendwann entdeckt, dass alle meine Geschichten mit einer Rückblende beginnen; dass immer etwas aus der Vergangenheit Einfluß auf das Heute hat", sagt sie. Also wollte sie in dem Roman, an dem sie ganz frisch schreibt, mal von einer Frau ohne Vergangenheit erzählen; von einer, die bei Null anfängt. "Aber ich merke schon jetzt, dass da irgendwas in der Vergangenheit lauert. Es ist ja immer das, worüber man nicht schreiben will, das Thema wird. Und dieser Spur folgt man dann und sei es unbewusst."

Ach, was soll sie sagen, wie Hamburg ist! Toll natürlich. Aufregend. Wobei ihr auch die Gegensätze, die Brüche nicht entgangen seien, gerade hier in St. Georg: "Auf der einen Seite sieht man das Elend, die Menschen, die nicht nur direkt vor dem Bahnhof auf dem Boden liegen und dann gibt es gleichzeitig Geschäfte, die Sachen verkaufen, wo man sich fragt: Wer soll denn das bezahlen?"

Armut gebe es natürlich auch in Köln, habe in den letzten Jahren sichtbar zugenommen. Aber in Hamburg sei eben alles eine Nummer größer: "In Köln gibt es die alte römische Stadtmauer, die beiden Straßenringe und in der Mitte der Dom und daneben der Rhein." Da könne man sich kaum verlaufen. Wie anders hier! Zum Glück gehört zu ihrer Stipendiumsausstattung auch ein HVV-Ticket: "Manchmal nehme ich irgendeinen Bus, fahre irgendwo hin, schaue mich um und wenn ich nicht mehr weiter weiß, dann nehme ich irgendeinen Bus zurück und fahre wieder ins Zentrum." Wirklich: Dieses Ticket sei ein großes Geschenk.

Das sie jüngst nutzte, um rüber nach Wilhelmsburg zu fahren, in dem vor ihrem Vater eben dessen Vater mit drei Brüdern lebte, ausgewandert aus Polen, als der älteste Bruder den Hof bekam und es für die Geschwister keine Perspektive mehr gab, aber im Deutschen Reich und in Wilhelmsburgs Hafengebiet Lohn und Brot: "Irgendwann haben mein Großvater und seine drei Brüder dann beschlossen ihren Familiennamen von Konszczinsky in Konradi zu ändern, weil man ihn besser buchstabieren könnte." Auch eine Akt von Integration.

Und dann war da immer die Geschichte ihres Vaters, wie er als Kind während der Bombenangriffe auf Hamburg in den Wilhemsburger Bunker in der Neuhöfer Straße flüchtete. Und dort einmal einschlief, erst aufwachte, als alle längst wieder gegangen waren. Und so war er allein, es war stockdunkel, und er musste sich Schritt für Schritt durch die Gänge und die Treppenhäuser nach draußen ins Freie und Helle tasten. Und nun stand sie als seine Tochter mehr als 70 Jahre später auf dem Dach des Bunkers, wo heute ein Cafe ist, drumherum eine Aussichtsplattform, von der aus man einen prächtigen Blick auf die friedliche Welt hat. "Die Erzählung meines Vaters im Kopf, dann vor Ort sehen, was aus dem Bunker heute geworden ist, dass war schon ein ganz besonderer Moment", sagt sie.

Auch von ihrer Mutter kennt sie verwandte Geschichten: Wie wiederum ihre Mutter ihr einschärfte, sie solle bei Luftalarm immer nach Hause kommen und keinesfalls in der Schule bleiben. Und so rennt sie jedesmal, wenn die Sirenen heulen, nach Hause und bleibt nicht in der Schule wie all die anderen. "Und dann fällt tatsächlich eine Bombe auf die Schule und alle Klassenkameraden meiner Mutter sind tot", sagt sie. "Meine Mutter hat das nun nicht als lustige Anekdote erzählt, aber immer wenn sie davon sprach, dann war da eine ganz eigene Distanz, als müsse sie sich vor dem, was damals passiert ist, noch nachträglich schützen."

Nun in Wilhelmsburg hat sie ihr Handy genommen und ihre Mutter angerufen und dann ist sie mit Mutter Stimme im und am Ohr durch das Viertel gelaufen und hat sich den Weg zeigen lassen: "Das Haus in der Fährstraße, in dem meine Eltern nach ihrer Heirat wohnten, steht noch. Und in der Weimarer Straße gibt es noch die Kneipe, wo mein Vater manchmal ausgeholfen hat." Am Ende hat sie ihre Mutter eingeladen, sie in Hamburg zu besuchen, mit ihr in echt durch Wilhelmsburg zu streifen und sich noch einmal die Orte anzuschauen, wo sie mit ihrem Mann lebte und wohnte und damals eine Familie gründete.

Aber ihre Mutter möchte nicht. Sie kenne dort ja niemanden mehr, keine der nahen Verwandten würden dort mehr leben. Doris Konradi sagt: "Wahrscheinlich möchte sie einfach die Bilder ihrer Erinnerung behalten."

Nun kommt die jüngere Tochter zu Besuch. Und was will sie sehen? Wilhelmsburg. Will ihrerseits den Ort begehen, von denen die Großeltern so oft erzählt haben. Und die Spurensuche der nächsten Generation setzt sich fort, so wie es sein soll.



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