Hamburger Gast

Hamburger Gast

Erstmal (II)

hamburger gast 2018Posted by Tilman Strasser Wed, October 31, 2018 20:24:24
An meinem letzten Tag in Hamburg schaffte ich es endlich, das Museum für Kunst und Gewerbe zu besuchen. Gemeinsam mit dem Rest der Stadt, denn der Eintritt war am Reformationstag frei. Entsprechend herrschte Gedränge in den Räumen, ich kämpfte mich zum Jugendstil durch, quetschte mich in den Barock und musste die Ellenbogen ausfahren, wollte ich je in die Moderne gelangen. In einem Raum mit Teetassen aus dem alten Japan begegnete ich einem brummenden Mann. "Begegnen" ist vielleicht etwas hoch gegriffen: Er schritt an mir vorrüber und ich hörte, er brummte sonor. Neugierig lief ich ihm ein paar Schritte nach. Es stellte sich heraus, dass er durchgängig brummte, vielleicht aus Gewohnheit, vielleicht folgte er einer inneren Melodie, vielleicht war es Symptom einer Krankheit oder die Sache machte ihm schlicht Spaß. Ich habe es nicht herausbekommen, nicht einmal versucht. Doch ich nahm den Brummton dankbar als Wegweiser durch die Fülle des Angebots, folgte ihm durch Buddhismus, Islam und Christentum, schlenderte ihm einmal durch die Sonderausstellung zur Protestkultur sowie durch den Gift Shop nach, und anschließend folgte ich ihm hinaus. Ich hatte ungemein viel verpasst und stand doch zufrieden in den letzten Sonnenstrahlen des Nachmittags. Der Mann schlenderte davon, er hatte sich kein einziges Mal nach mir umgedreht.

Ich habe in Hamburg ungemein viel erlebt, viel gesehen und gehört, viele Gespräche geführt. Und doch gibt es noch mehr, zu dem ich nicht gekommen bin. Als hätte ich irgendwann einen anderen Brummton gefunden und sei ihm quer durch die Tage gefolgt, zu vielem hin und an vielem vorbei. Ich habe ein Romanprojekt verworfen und ein neues begonnen, ich habe an Kurzgeschichten gearbeitet und Blogeinträge verfasst, ich habe haufenweise Notizen geschrieben und doch bei Weitem nicht genug, ich habe in beinahe allen Cafés dieser Stadt Kaffee getrunken und hoffentlich keine guten Imbisse verpasst, ich habe mir die Haare schneiden lassen und erstmals Fernsehstudioluft geschnuppert, ich habe freudig vorgelesen und noch freudiger bemerkt, dass Menschen das hören wollten, ich habe über das Treppenviertel gestaunt und mir Fährenwind ins Gesicht wehen lassen, ich habe den Strände und Balkone inspiziert, große Brücken und enge Gassen, ich habe Kneipen besehen und Biere probiert, habe alte Bekannte wiedergetroffen und neue Freunde gefunden, habe mehr Bücher bekommen, als ich lesen konnte, und mehr Tipps, als ich zählen konnte, ich wurde überrascht und bestätigt und muss jetzt erstmal nachdenken. Und obwohl ich tatsächlich einige verpasste Gelegenheiten bedaure, blinzle ich sehr glücklich zurück.
Und sehr dankbar. Dank und Ruhm den Organisatorinnen und Organisatoren des Hamburger Gasts! Da wären allen voran Ella Marouche und Huug van't Hoff, die das ganze auch ins Leben gerufen haben. Dank an die Jury, Dank an Ulf Busse von der Bergedorfer Zeitung, Dank an Heidi Melis von der Hamburger Volksbank! Natürlich an die drei Orte, an das Museum in Bergedorf, das Schmidt Theater auf St. Pauli, die Harburger Kulturwerkstatt. An Besucherinnen und Besucher der Lesungen. Dank an die Stiftung Freiraum und das von ihr verwaltete Künstlerhaus Vorwerk-Stift, an meine Mitbewohnerinnen und Mitbewohner hier, Dank an all die tollen Gesprächspartnerinnen und -partner in den vergangenen drei Monaten, es war mir eine Ehre, und ich freue mich auf ein Wiedersehen.
Ein wenig wird's auf sich warten lassen, denn jetzt geht es für mich erstmal zurück. Ich würde ja sagen: Brummbrumm! Doch ich fahre mit dem Zug.

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