Hamburger Gast

Hamburger Gast

FOMO

hamburger gast 2018Posted by Tilman Strasser Wed, October 17, 2018 19:40:28
Jetzt, da sich meine Hamburger Zeit dem Ende entgegen neigt, erwache ich täglich schweißgebadet. Denn käme ich morgen unter den Bus oder würde von einem Klavier erschlagen, wäre klar: Ich habe nicht gelebt. Nichts habe ich angestellt mit der Zeit, die mir auf Erden gegeben ward, und erst recht in meinen Tagen in der Hansestadt muss ich sträflich gefaulenzt haben. Wie anders ist es zu erklären, dass noch so viel zu tun bleibt, so viel zu sehen, zu erleben und zu erledigen? Eine Liste, gleich zu Beginn des Aufenthaltes angelegt, bündelt Touristenattraktionen und private Kontakte, strukturiert Tipps und eigene Unternehmungsideen und Pflichten. Doch statt von stattlicher Größe des Anfangs auf handliches Maß geschrumpft zu sein, wird der Unhold von einem Dokument lang und länger! Obgleich ich der Hydra haufenweise Häupter abschlage, indem ich schier täglich neue Gegenden erkunde, alte Freunde treffe und nie auch nur dieselbe Bäckerei zweimal betrete, wachsen schier stündlich neue Pläne nach, fällt mir auf, dass diese und jener auch in der Stadt ist, erfahre ich, dass dies der ultimative Geheimtipp, die ultimative Kirche, das ultimative Café ist, blickt mich ein Einwohner mit großen Augen an und greint: Wie, Du warst noch nicht in XY?
Tatsächlich war ich weder dort noch in YX, und ich schaff’s auch nicht mehr. Hamburgs Schätze sind an mich verschwendet, die schönsten Viertel muss ich verpasst haben, die besten Rundfahrten nicht gemacht, verflixt, und von all den spannenden Menschen ganz zu schweigen. Hinzu kommt, dass meine verbleibenden Stunden sämtlich ausgebucht wurden, durch Zauberhand: Nicht nur kann ich keine neuen Termine mehr annehmen, ich muss bestehende absagen, es geht sich, wie der Österreicher so schicksalsergeben sagt, einfach nicht aus. Deshalb an dieser Stelle ein kleines Best-of der verpassten Gelegenheiten, ein Auszug von Schmach und Schande:
- Das Literaturhaus. Wenn es so kommt, wie es zu kommen scheint, werde ich nicht im Literaturhaus Hamburg gewesen sein, was mir aus Neigung, beruflicher Orientierung, schlichtem Interesse allein ein Pflichttermin gewesen wäre. Zu meiner Verteidigung hatte das Haus erst ab Mitte September wieder Saison, und in eineinhalb Monaten einen Veranstaltung zu besuchen, das scheint nun wirklich zu viel verlangt zu sein.
- Das Schauspiel. Asche auf mein Haupt, aber ich werde nicht mehr ins Schauspiel Hamburg gelangen. Auf Kampnagel habe ich’s geschafft, einen Thalia-Termin endlich angepeilt, aber die ganz große Bühne bestaunen zu dürfen, ist mir nicht vergönnt. Gern würde ich sagen, das sei auch irgendwie des Schauspiels Schuld, aber irgendwie ist es das nicht.
- Keinen Aal gegessen. Offen gestanden, das reut mich nur mäßig.
- Nicht im Silbersack gewesen, und mein Kiezkneipenfass ist für dieses Jahr voll.
- Finkenwerder.
- Das Comicfestival (ich bin untröstlich, aber war genau in diesen vier Tagen nicht in der Stadt).
- David. Mein alter Bekannter David, mit dem ich schon konzertierend durch Italien reiste, den ich zufällig in einem indischen Restaurant traf, wo ich mir die ebenfalls empfohlenen Gerichte hastig einverleibte, weshalb ich mit einem Curry-Schweiß-Film auf der Stirn realisierte, dass ich gar nicht realisiert hatte, dass er ebenfalls in Hamburg wohnte, nur einen Steinwurf vom Vorwerk-Stift entfernt. Weshalb wir verabredeten, dass es ja nun wirklich machbar sein sollte, noch ein gemeinsames Getränk anzuvisieren, woran wir jedoch scheiterten, wie das Scheitern überhaupt die Bewegung dieser Tage zu sein scheint. Jetzt ist es Zeit, sich einzugestehen, wir werden keine Begegnung mehr bewerkstelligen, wir hätten die Gelegenheit nutzen sollen für wenigstens ein gemeinsames Papadam.
Das ist nur die Spitze des Eisbergs, sind nur ein paar der offensichtlichsten Verfehlungen. Und allein angesichts dieser ist es schon schwer erklärbar, warum ich überhaupt noch hetze. Warum ich panisch erwache und panischer durch den Tag stolpere, ehe ich ihn ihn greller Panik beende, indes: Es ist dies ein Fall chronischer FOMO. Was wie ein schaumiger Badezusatz klingt, meint „Fear of missing out“ und beschreibt entsprechend das Phänomen, beständig am falschen Ort zu sein und also nicht mitzukriegen, was gerade im wesentlichen mitzukriegen ist. Mein einziger Trost: Dass man hier einfach alles mitkriegen muss. Meine Nachfolgerin bzw. mein Nachfolger möge sechs Hamburg-Monate gewährt bekommen – nach dreien ist man gerade mal da.

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