Hamburger Gast

Hamburger Gast

Daredevilisierung

hamburger gast 2018Posted by Tilman Strasser Tue, September 18, 2018 21:56:12
Neulich nahm ich an einem Soundwalk durch St. Pauli teil und es war fantastisch. Soundwalks funktionieren so: Man lässt sich von einem Guide erklären, worauf man in den nächsten zwanzig Metern mal besonders hören soll, und dann geht man zwanzig Meter und hört mal besonders drauf, und dann bleibt man stehen und spricht in der Gruppe darüber. Irgendetwas zwischen gemächlichem Spaziergang und Therapiesitzung also, und unser Guide hieß Manuel und war ganz begeistert von Klangräumen und den Lauten, die unsere Gummisohlen auf Kies verursachten, und er brachte uns bei, wie Ninjas zu laufen, und wir waren alle recht verliebt. Am Schluss setzte ich mir eine Schlafmaske auf und ließ mich von einer 65jährigen Berlinerin namens Marta die Treppen hinunter zu den Landungsbrücken führen, wobei sich Marthas Schnaufen mit dem Tröten der Fähren zu einer ehrfurchtgebietenden Symphonie des Alltags verband, und das Ganze ließe sich also als hochinteressante Erfahrung abheften, bliebe nicht ein langfristiger Schaden. Der Schaden: Meine Nicht-Seh-Sinne, also nicht nur der Gehörsinn, sind seitdem übermenschlich geschärft. Als hätte jemand die Regler hochgedreht und vergessen, hinterher wieder auf Standard zu stellen. Ein bisschen wie bei Obelix und dem Zaubertrank, oder eher noch wie beim (womöglich weniger bekannten) Daredevil, der ebenfalls in eine seltsame Flüssigkeit fällt und tragischerweise dabei erblindet, aber mit hochsensiblen Geräusch- und Geruchsantennen weiterlebt. Und wie er sah ich den anfänglich als Schaden empfundenen Effekt dann doch rasch als Gewinn, wiewohl ich noch der Versuchung widerstehe, mich deshalb in rotes Latex zu zwängen (s.u.). Besonders auf dem Kiez gibt es eben nicht nur allerhand zu erlauschen, sondern auch zu erschnuppern, wenn man einmal kleinliche Regungen wie Ekel hinter sich gelassen hat. Tatsächlich stellt sich die Umgebung als eine überwältigende Geruchswelt dar und man wünscht sich Jean-Baptiste Grenouille an die Seite, um ihm sagen zu können, wer braucht schon Paris, das ist doch mal ein Feuerwerk hier, und jetzt geh zurück in deinen Roman, sonst wird’s gruselig. Allein, welch unterschiedliche Aromen unterschiedliche Friteusen absondern, je nachdem, ob darin Pommes, Frühlingsrollen oder Falafel blubbern. Die unterschiedlichen Schweiss-Intensitäten, staffelbar nach Alter und Geschlecht, nach Grad der Alkoholisierung und der Dichte in Kleidungsfasern. Die süßlichen Parfümnebel der Prostituierten, der, im Gegensatz zu seinen Besitzerinnen, nie von der Straße weicht, die Bitterstoffe des Diesels, die längst in den Teer gesickert sind, zu jeder Tageszeit ein schaler Hauch Schnaps, eine Schicht Stadtstaub, aus dem Penny seltsamerweise die spritzige Note von Zitrusfrüchten. Vielleicht das Reinigungsmittel, denn aus dem dm ein wuchtiger Schwall Vanilla-Deo, aus dem Schmidt eine Fahne von Leder und Kaffee, der holzige Hauch, der von den Bänken des Spielbudenplatzes aufsteigt, aus der Ferne manchmal eine Idee von Krebsfleisch. Synästhet möchte man sein, und dann auch wieder nicht, denn das Wechselspiel der Farben wäre womöglich schwer zu ertragen, ohnehin stumpft man ab, muss man sich schon konzentrieren, um all die Nuancen noch wahrzunehmen, für die es übrigens kaum genügend Wörter gibt, geschweige denn, um die feinen Abstufungen der Hauptelemente zu beschreiben. Zumindest wären dafür noch ein paar Seiten Umkreisungen nötig, weshalb ich hier aufhöre, festhaltend nur, dass ich die Herbsterkältung dieses Jahr erst für November bestelle, eine kräftigere dann.



  • Comments(0)//news.hamburger-gast.de/#post121