Hamburger Gast

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Vagabundieren

hamburger gast 2016Posted by Doris Konradi Sat, August 13, 2016 22:06:41

Meine Schwester schenkte mir einen schönen Reiseführer für Hamburg. Eine Freundin das Buch Vagabundentage von Knut Hamsun. In beiden Büchern lese ich mit Vergnügen. Der Reiseführer macht mit stimmungsvollen Fotos neugierig auf die beschriebenen Orte. Die Geschichte von Nut, Jeß, Huntley, Fred und der schönen Alicia erzählt vom Losgelöst-Sein und dem Glauben, dass man irgendwo etwas Besseres finden kann. „Wir müssen nur geradeaus gehen“, sagt Jeß an einer Stelle.

Die beiden Bücher erinnern mich daran, dass es zwei Arten gibt, sich einem Ort zu nähern, einer Stadt. Geplant und wohl informiert zu den vorgeblich sehenswerten Plätzen, oder planlos immer geradeaus. Vagabundieren in seiner schönsten Bedeutung: Umherstreifen, sich treiben lassen, ohne zu wissen, wo man landet. An einem Tag entschied ich mich für letzteres. Ich lief einfach los, von meiner Wohnung aus grob Richtung Westen. Es führte mich an einen Ort, von dem ich nichts gewusst habe, den jüdischen Friedhof Königstraße in Altona, der Zeugnis gibt von jüdischem Leben in Hamburg in vergangener Zeit, aber gleichzeitig Ausdruck heutiger Glaubenspraxis ist. Das Gebot der ewigen Totenruhe gehört zum Judentum wie eh und je. Und der tiefe Frieden, der von dieser Idee ausgeht, ist zwischen den Gräbern zu spüren.

Ich ließ mich weitertreiben und geriet mitten in Altona in das Einkaufszentrum Mercado. Jetzt war es der Reiseführer, der mir die Verbindung der beiden Orte vor Augen führte. Unter dem Ladenkomplex liegt ebenfalls ein jüdischer Friedhof, und sein Bau hatte entsprechende Proteste wachgerufen. Der weise Rat eines Rabbiners machte ihn schließlich möglich. Um die Totenruhe zu gewährleisten, wurde der Friedhof mit einer Betonplatte abgedeckt, der Untergrund von den Baumaßnahmen verschont. An einer Stelle sind Gedenktafeln angebracht. Ohne das Wissen aus dem Reiseführer hätte ich sie wohl nicht gesehen.





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