Hamburger Gast

Hamburger Gast

Immer Musik

hamburger gast 2018Posted by Tilman Strasser Tue, September 18, 2018 19:05:41
„Es müsste immer Musik da sein“, lautet der legendäre Satz aus dem legendären Film „Absolute Giganten“, von dem ich dachte, es wäre auch der absolute Hamburg-Film, bis sich herausstellte, dass ihn hier niemand kennt (wobei das, wenn ich’s recht überlege, gar nicht so verwunderlich ist, Indianer gucken schließlich auch keine Indianer-Dokus, zumindest nehme ich das an). Jedenfalls sagten wir das in meiner Jugend häufig, „Es müsste immer Musik da sein“, sagten wir und dann versuchten wir so verträumt und unwiderstehlich in die Luft zu schauen wie die Leute von der Leinwand und ich weiß nicht, ob es uns gelang. Was ich inzwischen weiß, ist, dass die Reeperbahn den Satz ernst genommen hat, ich hab’s überprüft: Kein Quadratzentimeter des Kiezes, der nicht aus irgendeiner angelehnten Kneipen- oder Clubtür zu jeder Tages- und Nachtzeit beschallt würde. Wodurch die Frage aufgeworfen wird, was geschähe, wenn aufgrund eines Stromausfalls oder eines Erdbebens oder eines GEMA-Streiks oder einer nuklearen Katastrophe eines Tages alle Boxen ausfielen. Fiele dann auch die Legende von St. Pauli auseinander? Werden die Pflastersteine hier nurmehr von Jonny Cash zusammengehalten, ist Udo Lindenberg der einzige, der die Große Freiheit noch stützt, ginge es mit dem Hamburger Berg bergab, wenn Deichkind nicht mehr erdudeln könnte, klappte die Davidwache zusammen, wenn David Hasselhoff nicht mehr nach freedom lookte? Eine rhetorische Frage, natürlich, denn bevor dies geschähe, würden die Kneipenwirtinnen und -wirte ihre Stimmen erheben, die Koberer würden Kolloraturen schmettern, die Freudendamen würden flöten und die Touristinnen und Touristen stimmten mit ein, und jede und jeder summte und sänge und grölte, dass die geile Meile auf ewig zementiert wäre, denn es müsste immer Musik da sein, das wäre ja klar.

Film ist toll und ganz anders und sieht so aus:


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Schöner Schein

hamburger gast 2018Posted by Tilman Strasser Tue, September 18, 2018 19:02:50
Seit ich als Hamburger Gast an öffentlichen Orten arbeite, bin ich dem Eindruck ausgesetzt, den ich offenbar auf andere mache, wenn ich schreibe. Mir war nicht bewusst, dass ich überhaupt einen mache, ich dachte, ich säße schlicht da und tippte und verschmölze dabei mit der Tapete, aber offenbar tue ich deutlich mehr als das. Um genau zu sein, starren mich immer mehr Menschen irritiert oder angewidert, entsetzt oder belustigt an, und ich muss feststellen, dass ich, im Versuch, ein paar Zeilen von sublimer Schönheit zu verfassen, tief, tief in der Nase bohre. Oder mir die Haare raufe. Die Hände vor den Mund schlage, als hätte ich einen Geist erspäht. Auf meinen Fingern herumkaue, so dass mir Mitleidige schon Erdnussflips gekauft haben. Das alles im vergeblichen Bemühen, auch nur einen geraden Satz zu Papier zu bringen, und beim nächsten wird’s garantiert noch schlimmer, und wenn die Hausbar des Schmidt Theaters nun nie wieder Kundschaft hat, ist’s ein bisschen meine Schuld, und es tut mir fast leid, aber ich hab mir einfach ein paar Seiten versprochen, also müssen wir da wohl durch.

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Die Digger-Dichte

hamburger gast 2018Posted by Tilman Strasser Tue, September 18, 2018 19:01:53
Eineinhalb Monate habe ich geforscht, um zu ergründen, wann junge Hamburger*innen „Digger“ sagen, ist das Wort doch offenbar ein Pubertätsphänomen wie andernorts Akne und sprießen in entsprechendem Alter die Diggers aus den Sätzen wie die Pickel aus der Haut (und nur wenige Unglückselige werden eins von beidem nicht mehr los, und besonders Unglückselige keins von beidem, und warum gibt es eigentlich kein Clerasil für die Grammatik?), und um der Erkenntnis Willen habe ich unzählige Gruppen Jugendlicher belauscht und einige sogar eingefangen, um sie unter Laborbedingungen zu testen, habe Theorien aufgestellt über die Abhängigkeit von Stimmung und Temperatur, den Zusammenhang mit Thema, Geschlecht und Mondphase, um schließlich zu dem Schluss zu gelangen, dass Hamburger Heranwachsende schlicht Digger sagen, wenn der Rest der Welt ein Komma setzen würde, und also Sätze zustande kommen, Digger, in denen, Digger, je nach Komplexität, Digger, viele, Digger, viele, Digger, viele, Digger, Diggers eingebaut werden müssen, Digger, weshalb man von Glück reden kann, Digger, dass durchschnittliche Teenies zur Parataxe neigen. Mit Punkten.



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Ers(t)ma(l)

hamburger gast 2018Posted by Tilman Strasser Mon, September 10, 2018 12:55:43
In meinem Motivationsschreiben für das Stipendium schrieb ich ja (wie keine Zeitung, kein Radiobeitrag zu erwähnen vergaß), ich freute mich auf das Zusammenspiel aus knappem Witz und steifer Brise. Und wenn auch die allersteifsten Brisen ob des Klimawandelsommers und seinem Nachhall noch auf sich warten lassen, ist mir doch schon der ein oder andere einsilbige Gag untergekommen, wovon ich allerdings die spartanische Abschiedsformel, die mir das Organisatorenpaar Ella und Huug jüngst nahebrachte, ob ihrer kaum steigerbaren Lapidarität hervorheben möchte: Statt „Tschö“ also, wie es mir das Rheinland eingetrichtert hat, statt dem bayerischen „Servus“ meiner Kindheit, statt dem münchnerisch-internationalen „Ciao“, und ja, auch statt dem norddeutsch-gezischten „Tschüß“ kann man hier offensichtlich „Erstmal“ statt „Auf Wiedersehen“ sagen. Wobei das allein ja schon eine schöne Schnoddrigkeit wäre, impliziert es doch ein „Soweit erstmal“ oder ein „Erstmal bis hierhin“ und damit eine alle Herzlichkeit geschickt umschiffende (sic!) Formel. Um allerdings bloß nicht zu förmlich rüberzukommen, verschluckt die oder der Sprechende klassischerweise alle unnötigen Konsonanten, weshalb sich das Ergebnis wie „Ersma“ und damit wahlweise wie eine Billigmarke für Dosenmais oder eine ungefährliche, aber ordentlich eklige Geschlechtskrankheit anhört. Nichtsdestotrotz impliziert der Laut, man habe schließlich bis eben schon eine wahrlich wortreiche Konversation geführt und es sei dringend angeraten, den Redestrom einstweilen zu unterbrechen, um ihn, wenn denn absolut nötig, ein anderes Mal fortzuführen - was umso zauberhafter absurder anmutet, als echte Redeströme mit rhetorisch derart Abwehrbereiten kaum in Gang zu bringen sind. Ach. Ich mag das Wort jedenfalls, und wenn ich bedenke, dass ich von drei Wochen Südafrika schon den Surfergruß (ein undefiniertes Wackeln mit der zur Trinkflasche und/oder zum Telefonhörer geformten Hand) mitbrachte, bin ich umso sicherer, mein erstes Hamburger Souvenir erhamstert zu haben.

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Eat, pay, love

hamburger gast 2018Posted by Tilman Strasser Mon, September 10, 2018 12:54:56
Vor dem Schmidt, auf dem Spielbudenplatz, ist gerade Food Truck Festival, und so habe ich meine Stipendiumsration heute investiert in fünf Piroggen, davon zwei mit Kraut, zwei mit Paprika und eine mit Spinat gefüllt, desweiteren in zwei Empanadas, von derer einer ich ziemlich sicher bin, dass er Morcheln enthielt, die andere definitiv schwarze Bohnen, außerdem einen vegetarischen Taco mit zwei Sorten Käse und Koriandertofu, einen überambitionierten veganen Hot Dog mit Chili-Fäden darin, ein Fischsandwich mit „Pulled Lachs“, einen Naan-Burrito mit Kichererbsen-Curry, einen marokkanischen Minze-Burger und eine Waffel mit Karamellüberzug und ja, ich bin durchaus ein bisschen stolz auf mich.

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Noch Fragen?

allgemein & aktuellPosted by Gast-Freund Fri, September 07, 2018 10:57:11
Liebe Hamburger-Gast-Freunde, Gast-Freunde-in-spe, liebe Wissensdurstige, Blogleser, Lesungsbesucher, Wortklauber und Freunde des gepflegten Plauschs:
der Hamburger Gast ist ja ein Stadtschreiber zum Anfassen, ein Literat zum Anquatschen und Ausfragen - und wenn man gerade mal nicht im SCHMIDT auf der Reeperbahn vorbeikommen kann, wo sich Tilman Strasser im September zum Schreiben in die Hausbar setzt, kann man seher gerne die Kommentarfunktion auf dieser Seite nutzen, um den aktuellen Stadtschreiber zu fragen, was man schon immer wissen wollte.


Und wer ihn doch persönlich treffen möchte: vielleicht sitzt er auch gerade auf dem Spielbudenplatz in der Sonne ...


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Das Hafermilch-Paradoxon

hamburger gast 2018Posted by Tilman Strasser Wed, August 29, 2018 21:34:16
Hamburger Baristas sind ein stolzes Volk. Viele tragen ungezähmte Frisuren. So sah ich gestern erst wieder eine Hünin hinter dem Tresen, die ihrer Haarmenge zu gleichen Teilen durch Dreads, einen Undercut und einen getrimmten Pony Herrin zu werden versuchte, ohne nennenswerten Erfolg. Vorgestern rührte mir einer mit solchem Ingrimm den Crema zurecht, dass der Silberlöffel Macken davontrug, und noch Anfang vergangener Woche schob mir ein anderer ungerührt die Tasse entgegen, an der ich mir gleich darauf Verbrennungen zweiten Grades zuzog, während er bereits die nächste in kochendem Wasser spülte. Dabei wollte ich stets Caféhausliterat ob des geruhsamen Lebensstils werden, doch in der Hansestadt ist das eine Existenz auf Adrenalin. Was allein an den Amazonen und Spartanern liegt, die hinter den fahl beleuchteten Glastheken, hinter den dreimal gewaschenen Kuchenstücken und herablappenden Sandwiches, hinter Flyerstapeln und Stickerkaskaden und einer rostigen Kassenkassette die heiße, koffeinhaltige Ware zubereiten. Alles habe ich diese Heldinnen und Helden schon stemmen sehen, geifernd schäumende Latte-macchiatos, Espressi, die mehr Dichte als Masse hatten, Cookies in der Größe von Wagenrädern. Stets ereilt mich dabei das gleiche Bild von den Kaffeearbeiterinnen und -arbeitern, die morgens durch die Moore und Steppen vor Hamburg ziehen, sich zusammenschließen auf dem schweigenden Marsch in die Stadt, dabei mit starrer Miene einige Klabautergeister erwürgen und pünktlich in ihren Klitschen eintreffen, wenn der Rest der Welt gerade erst die Glieder streckt, während sie bereits das schwarze Gebräu in großen Kesseln anrühren, Pulversäcke aufreissen und in die Töpfe schütten und dabei die ein- oder andere Prise in ihre Nebenhöhlen schniefen, Filtertaschen in der Größe von Schultüten aufpfropfen und sich ein letztes Mal die Schultern aus- und wieder einkugeln bevor der Kundenansturm eintrifft. Legenden sind es, die ihren Dienst am kaffeesüchtigen Pöbel in unerschütterlichem Gleichmut verrichten, und nur mit einem habe ich sie je aus der Fassung gebracht, das allerdings in schöner Regelmäßigkeit: Mein Wunsch nach Hafermilch lässt die Baristaaugen verächtlich blitzen, entlockt den wulstigen Lippen eine Zuckung, sorgt zuweilen für einen abschätzigen Laut. Hafermilch. Was daran liegt, das ihrer aller Vorfahr einst eine Haferflocke auf die Ferse fiel, als er im Mokka-Ursud badete, und seitdem all seine Nachkommen an dieser Flanke verwundbar sind, aber was soll ich machen, Soja schmeckt zu süß, Mandel zu herb, normale Milch zu fettig, ich hätte gern Hafermilch, sie bieten es an, sie knurren dabei und ich schlürfe mein Heißgetränk in eiskalter Angst.



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Bergedorfer Bälle

hamburger gast 2018Posted by Tilman Strasser Wed, August 29, 2018 21:33:39
In Bergedorf wäre Jesus kaum aufgefallen. Hier geht man standardmäßig übers Wasser, und der Erlöser hätte für seine Zirkusnummer höchstens noch nachträglich 6,50 € berappen müssen. Soviel kosten 8 Minuten auf dem Schlossgraben-Nass, und Gottes Sohn hätte weder Studenten- noch Gruppenrabatt gekriegt (es sei denn, er hätte die Jünger mitgebracht, Gruppen beginnen ab fünf Personen). Die Bergedorfer Bälle werben für „einen unvergesslichen Spaziergang auf dem Wasser“ und stellen zu diesem Zwecke durchsichtige Plastikgebilde bereit, die im besten Fall an einen Ball, im schlechtesten an einen lieblos gehackten Wurststumpen erinnern. Sie werden mit Luft und anschließend mit Menschen befüllt, vorzugsweise solchen, die anständig kreischen können, und alles zusammen lässt man dann an einer Leine auf das Gewässer hinaus, wo die primäre Beschäftigung der Passagiere darin besteht, durch eifriges Strampeln nicht vom Fleck zu kommen. Dabei allerdings dankenswert häufig auf die Nase zu fliegen, was alle am Ufer gebliebenen reichlich entschädigt. Strenggenommen müsste man von denen sogar Tribut für die Show verlangen, da war Jesus schon weiter. Überhaupt ist es ein milder Trost, sich die unwürdige Hampelei gebannt in Ölfarben an irgendeiner Kirchendecke vorzustellen, allein, weil das Gelärme dann andächtig verhallte. Verewigen möchte das Schauspiel als erstes die moderne Soziologie, die ja alles mit dem Modell der Blase erklärt und so die perfekte Verbildlichung ihrer Thesen gefunden hätte. Aber die in durchsichtigen Hüllen über einen traurigen Tümpel Dümpelnden gäben für schier jede Disziplin großartiges Anschauungsmaterial, bis hin zur antiken Philosophie, die sich ihre Höhlengleichnisse hätte sparen können. Wie steht das Ich in der Welt? Wie der Bergedorfer im Wasserball. Nur der Biologie gibt die Attraktion Rätsel auf, namentlich jenes, wie beziehungsweise wie lange geatmet werden kann in so einem Gebilde, ohne dass das Ding untergeht. Und obgleich es einigermaßen faszinierend ist, dass man die Attraktion zerstört, indem man sie erlebt, werde ich mich dem Mysterium nicht auf die Spur begeben, ich bin hier nur der Stadtschreiber.

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