Hamburger Gast

Hamburger Gast

Hamburger Gast 2017 - das isser

allgemein & aktuellPosted by Gast-Freund Fri, June 02, 2017 15:32:12

Der österreichische Schriftsteller Stephan Roiss (33) wird HAMBURGER GAST 2017.


Nach dreistündiger Sitzung und der Sichtung von über 120 Bewerbungen stand die Entscheidung fest: der Autor Stephan Roiss erhält das mit 1500,00 Euro monatlich dotierte Stipendium. Seine Erzählung "Der große Hodini" überzeugte die Jury durch eine überraschend lockere und unsentimentale Herangehensweise an das Thema Krebs. Ein literarisch anspruchsvoller Text, der trotzdem eine enorme Leichtigkeit aufweist. Das HAMBURGER-GAST-Stipendium biete ihm, so Roiss in seinem Motivationsschreiben, die Möglichkeit des Austausches mit Künstlern und interessierten Menschen, was „besonders inspirierend und im wahrsten Sinne des Wortes bewegend“ sei. Von August bis Oktober 2017 wird er nun also in der Hansestadt aktiv sein und den Menschen literarisch und persönlich begegnen. Der vielfach ausgezeichnete Schriftsteller bezeichnet sich selbst als Mikrophönix, er ist ein Tausendsassa der Kunst. Im Bereich der Literatur, der Gaphic Novel, des Theaters aber auch der Musik und der Bildenen Kunst ist er erfolgreich unterwegs. Einiges von Hamburg kennt er bereits: Im letzten Jahr weilte er im Gängeviertel als Artist in residence. Im Sommer 2017 wird er der ganzen Stadt literarisch begegnen.

Neben dem Stipendiaten haben zwei weitere Autorinnen mit ihren Texten überzeugt. Sie erhalten für ihre ausgewählten Geschichten jeweils ein Preisgeld von 500,00 Euro. Die Berliner Autorin Maria Jansen (29) stkizziert in ihrem Text „Ronny“ das Portrait einer außergewöhnlichen Frau, die auf nur fünf Seiten zur Freundin wird und ein seltsam leeres Gefühl hinterlässt, als sie wieder verschwindet. Die Wienerin Julia Hemetsberger (34) beschreibt in eindringlicher Weise das alltägliche Leben eines Londoners, der in Griechenland mit der Flüchtlingsrealität konfrontiert wird. Das Kind „Malaika“, so auch der Titel der Geschichte, stirbt, bevor er es retten kann.

Wer alle drei Gewinnertexte, von den Autoren/innen gelesen, erleben möchte, der ist herzlich dazu eingeladen.
Am 30.07.2017 findet die HAMBURGER-GAST-Begrüßungsfeier und Preisverleihung um 18:00 Uhr im großen Saal vom Bergedorfer Schloss statt.
Der Eintritt ist frei, über Anmeldung freuen wir uns: info@kulturelle-initiativen.de

Ermöglicht wird der HAMBURGER GAST durch die Hamburger Volksbank und die Kulturbehörde Hamburg.





Weiter mit 2017 - jetzt bewerben!

allgemein & aktuellPosted by Gast-Freund Sun, January 15, 2017 11:02:53
Endlich ist es soweit: der "HAMBURGER GAST" ist reif für 2017!
Genaueres gibt es natürlich auf www.hamburger-gast.de

aber hier kommt die Ausschreibung:

HAMBURGER GAST

2017 wird zum zweiten Mal das Stadt-Schreiber-Stipendium „HAMBURGER GAST“

ausgeschrieben. Der HAMBURGER GAST wird von August bis Oktober 2017 (mietfrei) in

einer Wohnung im Künstlerhaus Vorwerkstift im Karolinenviertel leben und darf insgesamt an drei Kulturstandorten (in drei Bezirken der Hansestadt, an jedem Arbeitsplatz jeweils einen Monat) schriftstellerisch tätig werden. Im Bergedorfer Schloss, im Schmidt-Theater in St. Pauli und in der Harburger Kulturwerkstatt.

Jede/r Autor/in ab 18 Jahren ist willkommen, sich zu bewerben und einen Beitrag einzusenden.

Zum Thema:

"Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern"

Sind alle Seemänner wortkarg und blond und heißen Hans? Nur weil das weite Meer darin vorkommt, muss ein Lied noch lange kein Shanty sein. Was bringt uns zum Wanken, was zieht uns die Beine unter den Füßen weg, was erschüttert uns? Oder eben nicht. Und wer sich ganz stark fühlt, kann im Herzen ganz schwach sein. Das Ende einer großen Liebe oder der Verlust der Heimat, Zahnschmerzen, die falschen Stiefel oder ein Lottogewinn - Was kann erschüttern? Und was bringt uns dazu, furchtlos oder lachend, blind oder trotzig dagegen zu halten?

Und wenn die ganze Erde bebt? Keine Angst, wir freuen uns auf Ihre erschütternd schönen Prosatexte!

Das Hamburger-Gast-Stipendium:

- dotiert mit 1500,00 Euro/Monat (insg. 4500,00), gestiftet: Hamburger Volksbank

- Veröffentlichung des Seemann-Textes in der Bergedorfer Zeitung / Funke Medien

- Mietfreie Unterkunft während des Aufenthalts (08.-10.2017) im Künstlerhaus Vorwerkstift im Karolinenviertel

- Monatskarten (08.-10.2017) für den HVV (ÖPNV der Hansestadt Hamburg)

ermöglicht durch die Kulturbehörde Hamburg und die Hamburger Volksbank

- Residenzpflicht

- Schreibräume: im Bergedorfer Schloss (08.2017)

im Schmidt-Theater - Reeperbahn (09.2017)

in der Kulturwerkstatt Harburg (10.2017)

- Begrüßungsfeier mit Lesung am 30.07.2017 im Bergedorfer Schloss

- jeweils mindestens eine Stipendiatenlesung an den Schreiborten

- „Tschüß-Hamburger-Gast“-Feier, Verabschiedung mit Stipendiatenlesung und Talk

Zusätzlich zum Stipendium werden in diesem Jahr die Plätze zwei und drei (ohne Nennung der Reihenfolge) der Jury-Shortlist mit einem Geldpreis von jeweils 500,00 Euro ausgezeichnet. Die ausgewählten Teilnehmer erklären sich bereit, ihre Texte am 30.07.2017 bei der Begrüßungsfeier öffentlich zu lesen. Sie sind mit einer Veröffentlichung ihres Bewerbungs-Textes ausdrücklich einverstanden.

Teilnahmebedingungen:

Mit einem bisher unveröffentlichten Prosatext in deutscher Sprache, der eine Länge von 9000 Zeichen inkl. Leerzeichen (Schriftgröße 12Pkt., Zeilenabstand 1,5) nicht überschreitet, kann sich jede/r Schreibende ab dem vollendeten 18. Lebensjahr um das Hamburger-Gast-Stipendium bewerben. Längere Texte werden nicht berücksichtigt! Texte, die bereits andere Preise gewonnen haben, deren Teilnahme an anderen Wettbewerben aktuell nachzulesen ist oder die anderweitig veröffentlicht sind (Internet/Druck), bleiben vom Stipendien-Wettbewerb ausgeschlossen.

Das Motto lautet "Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern" und darf im Titel der Geschichte enthalten, jedoch nicht (!) alleiniger Titel des eingereichten Prosatextes sein.

Der Prosatext muss in vierfacher Ausfertigung, zusammen mit einem Motivationsschreiben in gleicher Stückzahl (alles gern auf Recyclingpapier), per Post (keine Einschreiben!) eingereicht werden.

Im Motivationsschreiben würden wir gern erfahren, weshalb die Bewerber sich auf das Stipendium bewerben, was sie literarisch in Hamburg gern umsetzen würden und was sie an dem ungewöhnlichen Konzept des Hamburger-Gast-Stipendiums reizt.

Wir erwarten vom Stipendiaten/ von der Stipendiatin das Weiterführen des Hamburger-Gast-Blogs (news.hamburger-gast.de) und freuen uns auf einen neugierigen, erkundenden Blick von außen. Wir wünschen uns, ausgehend von den jeweiligen Arbeitsorten, eine aktive Amtszeit im Zeichen eines wechselseitigen und lebendigen Austauschs.

Der HAMBURGER GAST wird mindestens eine öffentliche Lesung pro Arbeitsort bestreiten, zudem die Begrüßungslesung (Schloss Bergedorf) und eine Abschiedslesung (Ort und Termin werden rechtzeitig bekannt gegeben).

Bewerbungen per e-mail sind nicht zulässig und werden ungelesen gelöscht. Zur Wahrung der Anonymität darf auf den vier Exemplaren des Teilnahmebeitrags nur der Titel der Geschichte, jedoch nicht der Name des Verfassers stehen. Ebenfalls auf dem Motivationsschreiben darf kein Verfasser genannt werden. Die Texte werden der Jury anonymisiert vorgelegt.

Der Bewerbung muss ein ausgefüllter Teilnahmebogen (download ab 15.01.2017 unter

www.hamburger-gast.de oder www.kulturelle-initiativen.de) in einfacher Ausführung beiliegen!

Einsendeschluss ist der 10.04.2017 (Es gilt der Poststempel!)

Der/die Hamburger-Gast-Stipendiat/In wird Ende Mai 2017 benachrichtigt werden.Die Begrüßungsfeier findet am 30.07.2017 um 18:30 Uhr im großen Saal des Bergedorfer Schlosses statt.

Mit der Bewerbung versichert jede/r Autor/in ausdrücklich, dass er/sie den Beitrag selbst verfasst hat, keine Rechte Dritter verletzt und mit einer Veröffentlichung in der Bergedorfer Zeitung / Funke Medien (gemäß Ausschreibungsbedingungen), sowie selbstverständlich mit allen Ausschreibungsbedingungen einverstanden ist. Darüber hinaus verbleiben sämtliche Rechte an den Texten bei den Autoren/innen.

Wichtig: Ohne Teilnahmebogen wird Ihre Einsendung nicht berücksichtigt!

Weitere Informationen unter: www.hamburger-gast.de

Für Fragen: info@kulturelle-initiativen.de

Einsendungen an: Bergedorfer Schloss

- Literaturwettbewerbe

Bergedorfer Schlossstr. 4

21029 Hamburg



Ausschreibung zum Mitnehmen:

Teilnahmebogen zum Aussdrucken:

Und hier zum Gucken:




Nachlese Hamburger Gast 2016

allgemein & aktuellPosted by Gast-Freund Mon, November 07, 2016 12:36:47
Liebe Gäste, liebe Freunde, liebe Gast-Freunde,

das erste "Hamburger-Gast" - Stipendium liegt hinter uns. Doris Konradi ist wohlbehalten zurück in Köln - mit einem Koffer voller Eindrücke.

Es war eine unglaublich spannende Zeit. Wir haben viel gesehen - erfahren - gelernt.
Und wir haben es in jedem Moment genossen, so viele wunderbare Menschen an unserer Seite zu haben, die an dieses Projekt geglaubt haben und so etwas großartiges, wie einen "Hamburger Stadtschreiber" überhaupt erst ermöglicht haben.

Noch einmal & von Herzen vielen, vielen Dank an:

Doris Konradi fürs "Gast-Sein"!

An die Schreiborte:
Das Bergedorfer Schloss
Das Ohnsorg Theater
Die Kulturwerkstatt Harburg

Den Wohnort: das Vorwerkstift & die Stiftung Freiraum

An die Hamburger Volksbank
die Bergedorfer Zeitung

Die Bezirke Bergedorf, Mitte & Harburg

Das Museum für Kunst & Gewerbe

An
Heidi Melis
Ulf Busse
Daniela Chmelik

Lisa Harder-Berg


Und an alle anderen, die mit dabei waren!

Und an Peter Helling, der diesen schönen Abschieds-Beitrag gemacht hat.
Abschied von Doris Konradi


Bis bald!

Ella Marouche & Huug van't Hoff

DANKE & TSCHÜSS

hamburger gast 2016Posted by Doris Konradi Sat, October 29, 2016 15:48:21

"Yes, to dance beneath the diamond sky

with one hand waving free"

(Bob Dylan)

DANKE & TSCHÜSS







Tschüss - Lesung

terminePosted by Gast-Freund Fri, October 28, 2016 13:13:08
Ohh, schon wieder um?

Nicht vergessen: Morgen, 29.10., ab 18.00 im Spiegelsaal des Museums für Kunst & Gewerbe - letzte Gelegenheit!




Draußen oder Drinnen

hamburger gast 2016Posted by Doris Konradi Fri, October 28, 2016 13:11:13

Wie ich als Stadtschreiberin denn Hamburg fände und die Hamburger, so von außen betrachtet, wurde ich oft gefragt.

Einmal habe ich auf diese Frage hin gesagt, Hamburg gefalle mir. Es muss in dem Moment die falsche Antwort gewesen sein, denn mein Gegenüber entgegnete, er würde aber alles eher kritisch sehen. Alles? Die Unterhaltung war an dieser Stelle beendet, leider, denn ich hätte gern erfahren, warum er solche Pauschalkritik übte. Was kann man schon über eine Stadt sagen? 'So von außen'. Reiseführerromantik? Kritische Auseinandersetzung mit dem Sichtbaren von Stadtarchitektur oder Sozialgefüge? „Städte mit Wasser sind schöner“, soll Gottfried Benn einmal über Hamburg gesagt haben, ein lapidarer Satz für einen wortmächtigen Dichter, vielleicht aus einer ähnlichen Verlegenheit heraus.

Aber Hamburg hat ja noch einen Stadtschreiber, oder besser gesagt, einen Stadtdichter, der das Stadtgeschehen von innen heraus kritisch begleitet. Ein paarmal bin ich ihm begegnet, freitags auf dem Isemarkt, wo er mit seinem Lyrik-to-go Fahrrad steht, mit den Menschen plaudert und selbst Geschichten erzählt. Der Titel seines Buches stimmt, er ist „Dichter an Hamburg“.





Gast-Gast-Text

allgemein & aktuellPosted by Gast-Freund Fri, October 28, 2016 13:08:40
So viele schöne Texte VOM Hamburger Gast - und so viele schöne Texte ÜBER den Hamburger Gast.
FRANK KEIL vom Hinz und Kunzt hat sich mit Doris Konradi getroffen - und einen wunderbaren Artikel über sie geschrieben. Hier isser:

Unterwegs in der fremden Stadt der Eltern

Drei Monate ist die Kölner Schriftstellerin Doris Konradi in der Stadt. Fährt viel Bus, schaut sich um, schreibt auf, was ihr auf- und einfällt. Eine Begegnung mit Hamburgs diesjähriger Stadtschreiberin.

Die Stühle stehen hoch, die Bar hat noch nicht geöffnet. Der Kaffeeautomat mit Mahlwerk und Schäumer ist noch nicht eingeschaltet, die Eistruhe mit dem Eiskonfekt dafür abgeschlossen. Kein Gast weit und breit, aber in ein paar Stunden werden sich hier die Besucher tummeln, alle ein bisschen hübscher angezogen als normal, wie man das so macht, wenn man ins Theater geht.

In der Bar im ersten Stock des Ohnsorg Theaters gegenüber dem Hauptbahnhof ist einer der Arbeitsplätze von Doris Konradi, Stadtschreiberin von Hamburg für drei Monate: ein schlichter, viereckiger Bistrotisch, dazu ein Stuhl.

Manchmal wechselt sie den Tisch, wechselt die Blickrichtung. Schaut dann auf den verwaiste Tresen oder durch die Fenster in die Ernst-Merck-Straße.

Das Ohnsorg Theater und damit St. Georg ist ihre zweite Station. Im Oktober wird sie auf die andere Elbseite nach Harburg wechseln; im August war sie in Bergedorf, saß und arbeitete im dortigen Schloss, das ein Museum ist und manche Museumsbesucher hielten ihr ihre Eintrittskarte zum Abreißen hin. Ach so, eine Stadtschreiberin sei sie ... wie interessant!

Ist es interessant? Ja, schon. "Aber eigentlich ist es auch ganz normal und nicht weiter aufregend", sagt sie. "Ich sitze hier und schreibe." Wobei sie keinesfalls zu irgendetwas verpflichtet ist. Sie muss für die 1.500 Euro pro Monat plus eine kleine Wohnung im Vorwerkstift im Karolinenviertel als Unterschlupf, keine Hamburg-Geschichte abliefern, nicht den Entwurf für einen Hamburgroman. Aber einen Blog führt sie, garniert mit kurzen Eindrücken: Straßenszenen, Beobachtungen im Cafe, Überlegungen, wie lange in unseren Träumen wohl noch Telefone mit Wählscheiben vorkommen werden, wenn unser Unterbewusstsein telefoniert; ihr fällt das Geräusch der Rollen der Rollschuhe ein, damals 1973, als den Kindern während der autofreien Sonntage während der Ölkrise die Straßen gehörten, nachdem sie erfahren hat, dass bei Bergedorf Erdöl gefördert wird. Oder es finden sich Fotos: von der leeren Bar des Ohnsorg Theaters.

In ein paar Tagen will sie sich unten im Saal eine Vorstellung anschauen, die plattdeutsche Musicalversion des Fatih-Akin-Films "Soul Kitchen". "Mal sehen, ob ich überhaupt etwas verstehe."Sie kennt das Ohnsorg Theater aus dem Fernsehen, als sie Kind war, ihre Eltern haben es gern geguckt. Die kommen aus Hamburg, ihr Vater aus Wilhelmsburg und ihre Mutter aus Harburg. Sie selbst wird 1961 in Köln geboren, nachdem die Eltern dort hinzogen.

Lange hat sich Doris Konradi nicht ans Schreiben getraut. "Dabei wollte ich schon als Kind schreiben, dann als Jugendliche", sagt sie. Doch in ihrer Familie gibt es jede Menge solider Berufe, Juristen, Kaufleute; ihr Vater arbeitet anfangs am Jungfernstieg im Alsterhaus. Kaufleute jedenfalls, das sind solide Leute, die es zu was bringen, die einen guten Beruf haben. Da weiß man nicht nur hinterher, was man hat. Und so studiert sie nach der Schule Volkswirtschaft – und nicht Germanistik, was sie viel lieber getan hätte. Doch ihre Lust an den Buchstaben, an den Worten, an den Sätzen lässt sich auf Dauer nicht niederhalten. Und sie geht nicht in die Wirtschaft, sondern in die Kultur, managt etwa ein kleines Kölner Theater. Und dann fängt sie an zu schreiben – als die Kinder klein sind: "Meine Kinder waren sehr pflegeleicht", lacht sie. Die Größere ging in den Kindergarten, die Kleinere verschlief den Vormittag. "So hatte ich jeden Vormittag drei, vier Stunden Leerzeit."

Die sie nutzt. Sie schreibt eine Erzählung und reicht sie 2003 beim Bettina-von-Arnim-Preis ein, mit dem damals die Frauenzeitschrift Brigitte besonders unter ihren Leserinnen nach unentdeckten Talenten forscht: Sie erzählt von einer obdachlosen Frau, die immer mit ihrem Rucksdack und ihrem Schlafsack unter dem Arm in den Alltag einer bügerlich-idyllischen Familie einbricht, alle verwirrt wie becirct, bis sie eines Morgens wieder spurlos verschwindet. Vielleicht nun für immer.

Damit gewinnt sie auf Anhieb den dritten Preis, Verpflichtung weiterzuschreiben. Und: "Damals hat mich die Literatur das erste Mal nach Hamburg geholt." Ein erster Roman erscheint, ein zweiter – beide kreisen um Menschen, die normal ihr Leben leben wollen, doch in ihren Familien gibt es je ein Geheimnis, dass aufgeklärt werden will. "Ich habe irgendwann entdeckt, dass alle meine Geschichten mit einer Rückblende beginnen; dass immer etwas aus der Vergangenheit Einfluß auf das Heute hat", sagt sie. Also wollte sie in dem Roman, an dem sie ganz frisch schreibt, mal von einer Frau ohne Vergangenheit erzählen; von einer, die bei Null anfängt. "Aber ich merke schon jetzt, dass da irgendwas in der Vergangenheit lauert. Es ist ja immer das, worüber man nicht schreiben will, das Thema wird. Und dieser Spur folgt man dann und sei es unbewusst."

Ach, was soll sie sagen, wie Hamburg ist! Toll natürlich. Aufregend. Wobei ihr auch die Gegensätze, die Brüche nicht entgangen seien, gerade hier in St. Georg: "Auf der einen Seite sieht man das Elend, die Menschen, die nicht nur direkt vor dem Bahnhof auf dem Boden liegen und dann gibt es gleichzeitig Geschäfte, die Sachen verkaufen, wo man sich fragt: Wer soll denn das bezahlen?"

Armut gebe es natürlich auch in Köln, habe in den letzten Jahren sichtbar zugenommen. Aber in Hamburg sei eben alles eine Nummer größer: "In Köln gibt es die alte römische Stadtmauer, die beiden Straßenringe und in der Mitte der Dom und daneben der Rhein." Da könne man sich kaum verlaufen. Wie anders hier! Zum Glück gehört zu ihrer Stipendiumsausstattung auch ein HVV-Ticket: "Manchmal nehme ich irgendeinen Bus, fahre irgendwo hin, schaue mich um und wenn ich nicht mehr weiter weiß, dann nehme ich irgendeinen Bus zurück und fahre wieder ins Zentrum." Wirklich: Dieses Ticket sei ein großes Geschenk.

Das sie jüngst nutzte, um rüber nach Wilhelmsburg zu fahren, in dem vor ihrem Vater eben dessen Vater mit drei Brüdern lebte, ausgewandert aus Polen, als der älteste Bruder den Hof bekam und es für die Geschwister keine Perspektive mehr gab, aber im Deutschen Reich und in Wilhelmsburgs Hafengebiet Lohn und Brot: "Irgendwann haben mein Großvater und seine drei Brüder dann beschlossen ihren Familiennamen von Konszczinsky in Konradi zu ändern, weil man ihn besser buchstabieren könnte." Auch eine Akt von Integration.

Und dann war da immer die Geschichte ihres Vaters, wie er als Kind während der Bombenangriffe auf Hamburg in den Wilhemsburger Bunker in der Neuhöfer Straße flüchtete. Und dort einmal einschlief, erst aufwachte, als alle längst wieder gegangen waren. Und so war er allein, es war stockdunkel, und er musste sich Schritt für Schritt durch die Gänge und die Treppenhäuser nach draußen ins Freie und Helle tasten. Und nun stand sie als seine Tochter mehr als 70 Jahre später auf dem Dach des Bunkers, wo heute ein Cafe ist, drumherum eine Aussichtsplattform, von der aus man einen prächtigen Blick auf die friedliche Welt hat. "Die Erzählung meines Vaters im Kopf, dann vor Ort sehen, was aus dem Bunker heute geworden ist, dass war schon ein ganz besonderer Moment", sagt sie.

Auch von ihrer Mutter kennt sie verwandte Geschichten: Wie wiederum ihre Mutter ihr einschärfte, sie solle bei Luftalarm immer nach Hause kommen und keinesfalls in der Schule bleiben. Und so rennt sie jedesmal, wenn die Sirenen heulen, nach Hause und bleibt nicht in der Schule wie all die anderen. "Und dann fällt tatsächlich eine Bombe auf die Schule und alle Klassenkameraden meiner Mutter sind tot", sagt sie. "Meine Mutter hat das nun nicht als lustige Anekdote erzählt, aber immer wenn sie davon sprach, dann war da eine ganz eigene Distanz, als müsse sie sich vor dem, was damals passiert ist, noch nachträglich schützen."

Nun in Wilhelmsburg hat sie ihr Handy genommen und ihre Mutter angerufen und dann ist sie mit Mutter Stimme im und am Ohr durch das Viertel gelaufen und hat sich den Weg zeigen lassen: "Das Haus in der Fährstraße, in dem meine Eltern nach ihrer Heirat wohnten, steht noch. Und in der Weimarer Straße gibt es noch die Kneipe, wo mein Vater manchmal ausgeholfen hat." Am Ende hat sie ihre Mutter eingeladen, sie in Hamburg zu besuchen, mit ihr in echt durch Wilhelmsburg zu streifen und sich noch einmal die Orte anzuschauen, wo sie mit ihrem Mann lebte und wohnte und damals eine Familie gründete.

Aber ihre Mutter möchte nicht. Sie kenne dort ja niemanden mehr, keine der nahen Verwandten würden dort mehr leben. Doris Konradi sagt: "Wahrscheinlich möchte sie einfach die Bilder ihrer Erinnerung behalten."

Nun kommt die jüngere Tochter zu Besuch. Und was will sie sehen? Wilhelmsburg. Will ihrerseits den Ort begehen, von denen die Großeltern so oft erzählt haben. Und die Spurensuche der nächsten Generation setzt sich fort, so wie es sein soll.



Heimat zu Babel

hamburger gast 2016Posted by Doris Konradi Thu, October 27, 2016 19:35:15

DIE HEIMAT IST NICHT DAS LAND

LA PATRIA NO ES LA TIERRA

THE NATIVE LAND IS NOT THE LAND

LA PATRIE N’EST PAS LE SOL

Schade, dass der Platz vor der Kunsthalle nur vier Seiten hat. Wie würde es wohl in den tausenden anderen Sprachen klingen?



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