Hamburger Gast

Hamburger Gast

Catcontent

hamburger gast 2018Posted by Tilman Strasser Wed, September 26, 2018 13:01:29
Eine Katze streift durch die Flure des Vorwerk-Stifts, es ist eine junge Katze, es ist eine kleine Katze, es ist eine schwarze Katze, sie maunzt. Herzerweichend maunzt sie, und herzerweichend hallt’s, denn der Vorwerk-Stift ist ein altes Gebäude und bei deren Bau hat man auf Hall sehr viel Wert gelegt. Wahrscheinlich, falls Gott mal wieder was sagen will, denn der soll sich dabei ja nicht auch noch um den Sound kümmern müssen. Gut denkbar, dass sich die junge, kleine, schwarze Katze für Gott hält, immerhin geben wir ihr Futter, streicheln und verehren sie, und so ein bisschen Hybris lässt außerdem das Fell glänzen. Es wäre mir gleich, soll sie Büsche anzünden oder Katersippen aus Ägypten führen, aber wenn sie noch länger durch die Gänge des Vorwerk-Stifts lärmt, mach ich den Nietsche und bring sie um. Ich habe zu arbeiten, ich habe zu schlafen, ich habe lethargisch die Wand anzustarren, da kann ich kein Gemaunze brauchen, und schließlich ist auch überhaupt nicht einzusehen, worüber sie in Maunzerei verfällt, sie hat zu fressen, sie hat Freunde in der Nachbarschaft, sie kann kacken wo sie will und dann zuschauen, wie andere es wegräumen, fehlt nur noch, dass sie einen Nachkommen ans Kreuz nageln lässt, aber man brauch doch auch noch Pläne im Leben. Aber nein, sie klagt und greint, dass es kein vernünftiger Mensch aushalten kann, langgezogene Laute, die Risse durch die Wände jagen, bis es mir reicht, bis ich hochfahre, die Tür aufstoße, in den Gang stürze, und da sitzt sie und guckt mir aus großen Augen entgegen und ist jung und klein und schwarz und hat gar seidig glänzendes Fell und sieht verwundert zu, wie ich, vor Wut zitternd, auf die Knie falle, ein irres Glitzern in den Pupillen, wie ich nach ihr greife, mit den Zähnen knirsche und sie sanft, ganz sanft hinter den Ohren kraule.

  • Comments(0)//news.hamburger-gast.de/#post126

Schall und Rauch

hamburger gast 2018Posted by Tilman Strasser Wed, September 26, 2018 13:00:59
In Hamburg hörte ich auf zu rauchen, und es gibt wenig, was in dieser Stadt weniger sinnig ist, hier rauchen alle. Alle. Alle stehen an der nächsten Ecke oder der übernächsten und pusten genüsslich köstliche Schwaden in die Luft. Und dann gucken sie wieder, wenn man schnuppernd stehenbleibt, tief inhaliert, sich ihren Dampf zufächelt, blasierte Luxusschmaucher allesamt, die einem nicht mal ihren Lungenabfall gönnen. Dafür quarzen sie in jedem Szeneladen, so dass der Teer fürs Schulterblatt mit Keschern aus der Luft gefischt statt mühsam herangekarrt wurde – wer was auf sich hält, zündet sich eine an der nächsten an und die Nächte in der Hansestadt sind durchsetzt von glutenden Glühwürmchen. Fluppen. Kippen. Sie stecken in aschgrauen Fressen, die Damen tragen nikotingelben Teint, die Herren blutleere Lippen zu qualmblauen Augenringen, während ich mich meiner rosigen Wangen schäme, peinlich berührt bin ob der zunehmend weißen Nägel und Zähne und mir zuweilen mit Dotter gelblichen Belag auf die Zunge schummle, um nicht gar so sehr aufzufallen. Das schlimmste aber ist das Gefühl, diese plötzliche Gesundheit, die nach mir greift, eine grässliche Frische, die durch die Bronchien zieht, ein widerlich vitaler Puls, selbst das liebgewonnene Prickeln und Stechen im linken Arm verklingt langsam, es geht mir so gut, ich könnte kotzen. Und finge am liebsten jetzt statt gleich wieder mit dem Tabak an, allein, ich habe gehört, wer schreiben will, muss leiden, und da mir kein anderes Gebrechen gegeben ist, da sonst kein Schicksalsschlag sich meiner erbarmt, darbe ich nun mit schweinchenrosa Atemwegen der Unsterblichkeit entgegen.

  • Comments(0)//news.hamburger-gast.de/#post125

Wetterwette

hamburger gast 2018Posted by Tilman Strasser Mon, September 24, 2018 19:36:32
Ende Juli kam ich nach Hamburg und es herrschte mal wieder der heißeste Sommer aller Zeiten. Menschen irrten durch die Straßen, verglichen das Ausmaß ihrer Sonnenbrände, betranken sich zur Mittagszeit und grillten, bis der Rost durch war. Auf die Frage nach dem Warum gaben alle dieselbe Antwort: Es handle sich um den letzten schönen Tag des Jahres. Um den handelt es sich seitdem: Immerhin über fünfzig Tage bin ich nun in der Stadt, und jede und jeder sagt jeden Tag, es sei vermutlich der letzte schöne, wahrscheinlich der letzte schöne, ernsthaft der letzte schöne, der letzte schöne aller Zeiten. Die Hamburgerinnen und Hamburger sind begabte Apokalypter, denen der Niederschlag (der ja quantitativ nicht größer ist als der in München, Köln oder Berlin, sich aber über größere Zeiträume verteilt) in die Seele getröpfelt ist. Weshalb sie zwar widerständige und stolze, schöne und empathiebegabte nordische Naturen geworden sind, aber eben auch mit einem grundsätzlichen Misstrauen gegen Sonnenschein ausgestattet. Wie zu oft Verlassene, die irgendwann jede neue Romanze mit mehr Wehmut als Leidenschaft beginnen, schließlich endet sie aller Voraussicht nach auch wieder, irgendwann. Und natürlich liegen sie damit nicht falsch, und natürlich war der Sommer auch wirklich mindestens der heißeste aller Zeiten, und natürlich kann es nicht schaden, sich auch ein wenig auf den Herbst vorzubereiten, und natürlich hat andernorts auch schon mal jemand mit gerunzelten Brauen in den trügerisch klaren Himmel geblickt, aber alles, was ich sagen will, ist: Hätte nicht ständig alle Welt den wirklich allerletzten schönen Tag herbeigefaselt, wäre es jetzt sicher nicht SO KALT.

  • Comments(0)//news.hamburger-gast.de/#post124

Kieztalk

hamburger gast 2018Posted by Tilman Strasser Mon, September 24, 2018 19:16:35
"Hallo darf ich dich als korrekten Menschen mal was fragen ich hab da gerade ein Problem obwohl naja nur ein kleines also ich steh mit meinem Wagen um die Ecke kannst gern mitkommen und ihn dir ansehen ein Renault Twingo in schwarz und jedenfalls mit dem bin ich gerade auf dem Weg nach Frankfurt und ich komme eigentlich aus Kiel und du glaubst es ja nicht mir ist wirklich der Tank leergegangen ich hab das viel zu spät gemerkt kennste vielleicht einfach gar nicht auf die Tankanzeige geschaut und dann blinkt das Lämpchen auf einmal so und im nächsten Moment wars auch schon aus und da hatte ich ja noch Glück im Unglück dass ich direkt an der Reeperbahn und für einen Parkplatz hats auch noch gereicht aber was denkst du als ich merk Kreditkarte Geldbeutel nichts dabei ich Held ich hab alles zuhause liegenlassen weil ich doch so aufgeregt bin meine Tochter nämlich die hat heute in Frankfurt Kommunion ja ja ja die lebt bei ihrer Mutter und so was ist für gläubige Menschen wie mich ein besonderer Tag und da wollte ich unbedingt hin und deshalb hab ichs jetzt auch ein bisschen eilig und ich mein das verstehst du sicher ich quatsch ja sonst auch nicht einfach wildfremde Leute auf der Straße an aber wenn ich nicht bald loskomme dann kann ich meiner Kleinen nicht mehr unter die Augen treten und ich schick das alles zurück sobald ich wieder zurück in Kiel sind wir machen das per Überweisung gar kein Problem schreib einfach auch flugs deine Kontodaten dazu und ich leg sogar noch nen Zehner drauf daran solls nicht scheitern und nee ich brauch auch gar kein Bargeld wenn du nen Kannister Benzin dabei hast geht das auch also wie sieht's aus."

  • Comments(0)//news.hamburger-gast.de/#post123

Clash of the Stadtschreibers

terminePosted by Gast-Freund Sat, September 22, 2018 16:13:16
Da mopsen wir uns doch schnell den besseren Titel. "Treffen der Stadtschreiber" lautet der offizielle Titel für die Lesung Morgen, Sonntag, 23.09., um 15.00 Uhr in der Hausbar des SCHMIDT - im Gespräch war "Hamburger Gast & Gast 2", "Lesung im Schmidt" hieß das Ding zwischendurch auch, dann hatten wir noch "Tilman Strasser trifft Stephan Roiss" und, durchaus weit oben auf der Liste, war "Das Stadtschreiber Paradox (es kann nur einen geben, jetzt kommen zwei)" - und dann haut einer der beiden Einmaligen mal eben so "Clash of the Stadtschreibers" raus.
Gekauft!
Namen sind ohnehin Schall und Rauch - aber die Veranstaltung wird schöner!


  • Comments(0)//news.hamburger-gast.de/#post122

Daredevilisierung

hamburger gast 2018Posted by Tilman Strasser Tue, September 18, 2018 21:56:12
Neulich nahm ich an einem Soundwalk durch St. Pauli teil und es war fantastisch. Soundwalks funktionieren so: Man lässt sich von einem Guide erklären, worauf man in den nächsten zwanzig Metern mal besonders hören soll, und dann geht man zwanzig Meter und hört mal besonders drauf, und dann bleibt man stehen und spricht in der Gruppe darüber. Irgendetwas zwischen gemächlichem Spaziergang und Therapiesitzung also, und unser Guide hieß Manuel und war ganz begeistert von Klangräumen und den Lauten, die unsere Gummisohlen auf Kies verursachten, und er brachte uns bei, wie Ninjas zu laufen, und wir waren alle recht verliebt. Am Schluss setzte ich mir eine Schlafmaske auf und ließ mich von einer 65jährigen Berlinerin namens Marta die Treppen hinunter zu den Landungsbrücken führen, wobei sich Marthas Schnaufen mit dem Tröten der Fähren zu einer ehrfurchtgebietenden Symphonie des Alltags verband, und das Ganze ließe sich also als hochinteressante Erfahrung abheften, bliebe nicht ein langfristiger Schaden. Der Schaden: Meine Nicht-Seh-Sinne, also nicht nur der Gehörsinn, sind seitdem übermenschlich geschärft. Als hätte jemand die Regler hochgedreht und vergessen, hinterher wieder auf Standard zu stellen. Ein bisschen wie bei Obelix und dem Zaubertrank, oder eher noch wie beim (womöglich weniger bekannten) Daredevil, der ebenfalls in eine seltsame Flüssigkeit fällt und tragischerweise dabei erblindet, aber mit hochsensiblen Geräusch- und Geruchsantennen weiterlebt. Und wie er sah ich den anfänglich als Schaden empfundenen Effekt dann doch rasch als Gewinn, wiewohl ich noch der Versuchung widerstehe, mich deshalb in rotes Latex zu zwängen (s.u.). Besonders auf dem Kiez gibt es eben nicht nur allerhand zu erlauschen, sondern auch zu erschnuppern, wenn man einmal kleinliche Regungen wie Ekel hinter sich gelassen hat. Tatsächlich stellt sich die Umgebung als eine überwältigende Geruchswelt dar und man wünscht sich Jean-Baptiste Grenouille an die Seite, um ihm sagen zu können, wer braucht schon Paris, das ist doch mal ein Feuerwerk hier, und jetzt geh zurück in deinen Roman, sonst wird’s gruselig. Allein, welch unterschiedliche Aromen unterschiedliche Friteusen absondern, je nachdem, ob darin Pommes, Frühlingsrollen oder Falafel blubbern. Die unterschiedlichen Schweiss-Intensitäten, staffelbar nach Alter und Geschlecht, nach Grad der Alkoholisierung und der Dichte in Kleidungsfasern. Die süßlichen Parfümnebel der Prostituierten, der, im Gegensatz zu seinen Besitzerinnen, nie von der Straße weicht, die Bitterstoffe des Diesels, die längst in den Teer gesickert sind, zu jeder Tageszeit ein schaler Hauch Schnaps, eine Schicht Stadtstaub, aus dem Penny seltsamerweise die spritzige Note von Zitrusfrüchten. Vielleicht das Reinigungsmittel, denn aus dem dm ein wuchtiger Schwall Vanilla-Deo, aus dem Schmidt eine Fahne von Leder und Kaffee, der holzige Hauch, der von den Bänken des Spielbudenplatzes aufsteigt, aus der Ferne manchmal eine Idee von Krebsfleisch. Synästhet möchte man sein, und dann auch wieder nicht, denn das Wechselspiel der Farben wäre womöglich schwer zu ertragen, ohnehin stumpft man ab, muss man sich schon konzentrieren, um all die Nuancen noch wahrzunehmen, für die es übrigens kaum genügend Wörter gibt, geschweige denn, um die feinen Abstufungen der Hauptelemente zu beschreiben. Zumindest wären dafür noch ein paar Seiten Umkreisungen nötig, weshalb ich hier aufhöre, festhaltend nur, dass ich die Herbsterkältung dieses Jahr erst für November bestelle, eine kräftigere dann.



  • Comments(0)//news.hamburger-gast.de/#post121

Zum Wegschmeißen

hamburger gast 2018Posted by Tilman Strasser Tue, September 18, 2018 19:44:15
hardly art, hardly garbage
(no culture icons / The Thermals)


Bei „Grilly Idol“ aß ich einen Blackbean-Patty-Burger, bei „O’Haara“ ließ ich mir die Haare schneiden, trank gar Espresso im „Deathpresso“ und erwähne das alles nur, um vorauszuschicken, dass ich nun wirklich nichts habe gegen Witzelei, auch nicht gegen verunglückte, aus kollegialen Gründen, aber die Sache mit den Hamburger Mülleimern, die geht eindeutig zu weit. An jeder Ecke stehen sie, und das ist ja auch ihr Job, und soweit ist auch alles in Ordnung, aber an jeder Ecke reissen sie auch einen Spruch. Und es sind durchaus gute darunter, auch das ist also nicht das Problem, „Ich bin der Becher der Entleerten“ zum Beispiel, und dass da auch erwartbare dabei sein müssen, ist auch nicht das Ding, „Willst du es mir entsorgen?“ wäre so einer. Schon eher schwierig, dass die roten Blechkübel in ihrer Humorwut ein Selbstwertgefühl offenbaren, wie es selbst für Kannister bedenklich ist, wenigstens rühren Sätze wie „Bin für jeden Dreck zu haben“ oder „Schlag mir den Bauch voll“ an nicht mehr uneingeschränkt heiteren Assoziationsfeldern, aber auch das soll noch kein Grund zur Beschwerde sein. Nein, der Punkt ist, dass sich der höfliche Mensch an allen Ecken und Enden wenigstens zu einem freundlichen Grinsen genötigt sieht, zu einem trockenen Lachen gar oder wenigstens einem gequälten Schmunzeln, weil man schlicht niemanden, der so angestrengt witzig sein möchte, einfach ignoriert. Und weil das auf einem zehnminütigen Spaziergang durch, sagen wir, St. Pauli, schon eine ganz schön anstrengende Nebentätigkeit werden kann, mag es vorgekommen sein, dass kürzlich jemand auf einen der rot lackierten Gesellen zusprang und „HÖR SCHON AUF“ schnappte, „IRGENDWANN IST MAL SCHLUSS MIT LUSTIG“, und dass dieser jemand seitdem einen Umweg auf seinem täglichen Arbeitsweg gehen muss, damit ihn niemand mehr mitleidig oder ängstlich aus umliegenden Ladenlokalen anblickt, und das, ich meine ja nur, ist doch auch nicht im Sinne des Erfinders, hoffentlich nicht.



  • Comments(0)//news.hamburger-gast.de/#post120

Immer Musik

hamburger gast 2018Posted by Tilman Strasser Tue, September 18, 2018 19:05:41
„Es müsste immer Musik da sein“, lautet der legendäre Satz aus dem legendären Film „Absolute Giganten“, von dem ich dachte, es wäre auch der absolute Hamburg-Film, bis sich herausstellte, dass ihn hier niemand kennt (wobei das, wenn ich’s recht überlege, gar nicht so verwunderlich ist, Indianer gucken schließlich auch keine Indianer-Dokus, zumindest nehme ich das an). Jedenfalls sagten wir das in meiner Jugend häufig, „Es müsste immer Musik da sein“, sagten wir und dann versuchten wir so verträumt und unwiderstehlich in die Luft zu schauen wie die Leute von der Leinwand und ich weiß nicht, ob es uns gelang. Was ich inzwischen weiß, ist, dass die Reeperbahn den Satz ernst genommen hat, ich hab’s überprüft: Kein Quadratzentimeter des Kiezes, der nicht aus irgendeiner angelehnten Kneipen- oder Clubtür zu jeder Tages- und Nachtzeit beschallt würde. Wodurch die Frage aufgeworfen wird, was geschähe, wenn aufgrund eines Stromausfalls oder eines Erdbebens oder eines GEMA-Streiks oder einer nuklearen Katastrophe eines Tages alle Boxen ausfielen. Fiele dann auch die Legende von St. Pauli auseinander? Werden die Pflastersteine hier nurmehr von Jonny Cash zusammengehalten, ist Udo Lindenberg der einzige, der die Große Freiheit noch stützt, ginge es mit dem Hamburger Berg bergab, wenn Deichkind nicht mehr erdudeln könnte, klappte die Davidwache zusammen, wenn David Hasselhoff nicht mehr nach freedom lookte? Eine rhetorische Frage, natürlich, denn bevor dies geschähe, würden die Kneipenwirtinnen und -wirte ihre Stimmen erheben, die Koberer würden Kolloraturen schmettern, die Freudendamen würden flöten und die Touristinnen und Touristen stimmten mit ein, und jede und jeder summte und sänge und grölte, dass die geile Meile auf ewig zementiert wäre, denn es müsste immer Musik da sein, das wäre ja klar.

Film ist toll und ganz anders und sieht so aus:


  • Comments(0)//news.hamburger-gast.de/#post119
« PreviousNext »