Hamburger Gast

Hamburger Gast

Kieztalk

hamburger gast 2018Posted by Tilman Strasser Mon, September 24, 2018 19:16:35
"Hallo darf ich dich als korrekten Menschen mal was fragen ich hab da gerade ein Problem obwohl naja nur ein kleines also ich steh mit meinem Wagen um die Ecke kannst gern mitkommen und ihn dir ansehen ein Renault Twingo in schwarz und jedenfalls mit dem bin ich gerade auf dem Weg nach Frankfurt und ich komme eigentlich aus Kiel und du glaubst es ja nicht mir ist wirklich der Tank leergegangen ich hab das viel zu spät gemerkt kennste vielleicht einfach gar nicht auf die Tankanzeige geschaut und dann blinkt das Lämpchen auf einmal so und im nächsten Moment wars auch schon aus und da hatte ich ja noch Glück im Unglück dass ich direkt an der Reeperbahn und für einen Parkplatz hats auch noch gereicht aber was denkst du als ich merk Kreditkarte Geldbeutel nichts dabei ich Held ich hab alles zuhause liegenlassen weil ich doch so aufgeregt bin meine Tochter nämlich die hat heute in Frankfurt Kommunion ja ja ja die lebt bei ihrer Mutter und so was ist für gläubige Menschen wie mich ein besonderer Tag und da wollte ich unbedingt hin und deshalb hab ichs jetzt auch ein bisschen eilig und ich mein das verstehst du sicher ich quatsch ja sonst auch nicht einfach wildfremde Leute auf der Straße an aber wenn ich nicht bald loskomme dann kann ich meiner Kleinen nicht mehr unter die Augen treten und ich schick das alles zurück sobald ich wieder zurück in Kiel sind wir machen das per Überweisung gar kein Problem schreib einfach auch flugs deine Kontodaten dazu und ich leg sogar noch nen Zehner drauf daran solls nicht scheitern und nee ich brauch auch gar kein Bargeld wenn du nen Kannister Benzin dabei hast geht das auch also wie sieht's aus."

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Clash of the Stadtschreibers

terminePosted by Gast-Freund Sat, September 22, 2018 16:13:16
Da mopsen wir uns doch schnell den besseren Titel. "Treffen der Stadtschreiber" lautet der offizielle Titel für die Lesung Morgen, Sonntag, 23.09., um 15.00 Uhr in der Hausbar des SCHMIDT - im Gespräch war "Hamburger Gast & Gast 2", "Lesung im Schmidt" hieß das Ding zwischendurch auch, dann hatten wir noch "Tilman Strasser trifft Stephan Roiss" und, durchaus weit oben auf der Liste, war "Das Stadtschreiber Paradox (es kann nur einen geben, jetzt kommen zwei)" - und dann haut einer der beiden Einmaligen mal eben so "Clash of the Stadtschreibers" raus.
Gekauft!
Namen sind ohnehin Schall und Rauch - aber die Veranstaltung wird schöner!


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Daredevilisierung

hamburger gast 2018Posted by Tilman Strasser Tue, September 18, 2018 21:56:12
Neulich nahm ich an einem Soundwalk durch St. Pauli teil und es war fantastisch. Soundwalks funktionieren so: Man lässt sich von einem Guide erklären, worauf man in den nächsten zwanzig Metern mal besonders hören soll, und dann geht man zwanzig Meter und hört mal besonders drauf, und dann bleibt man stehen und spricht in der Gruppe darüber. Irgendetwas zwischen gemächlichem Spaziergang und Therapiesitzung also, und unser Guide hieß Manuel und war ganz begeistert von Klangräumen und den Lauten, die unsere Gummisohlen auf Kies verursachten, und er brachte uns bei, wie Ninjas zu laufen, und wir waren alle recht verliebt. Am Schluss setzte ich mir eine Schlafmaske auf und ließ mich von einer 65jährigen Berlinerin namens Marta die Treppen hinunter zu den Landungsbrücken führen, wobei sich Marthas Schnaufen mit dem Tröten der Fähren zu einer ehrfurchtgebietenden Symphonie des Alltags verband, und das Ganze ließe sich also als hochinteressante Erfahrung abheften, bliebe nicht ein langfristiger Schaden. Der Schaden: Meine Nicht-Seh-Sinne, also nicht nur der Gehörsinn, sind seitdem übermenschlich geschärft. Als hätte jemand die Regler hochgedreht und vergessen, hinterher wieder auf Standard zu stellen. Ein bisschen wie bei Obelix und dem Zaubertrank, oder eher noch wie beim (womöglich weniger bekannten) Daredevil, der ebenfalls in eine seltsame Flüssigkeit fällt und tragischerweise dabei erblindet, aber mit hochsensiblen Geräusch- und Geruchsantennen weiterlebt. Und wie er sah ich den anfänglich als Schaden empfundenen Effekt dann doch rasch als Gewinn, wiewohl ich noch der Versuchung widerstehe, mich deshalb in rotes Latex zu zwängen (s.u.). Besonders auf dem Kiez gibt es eben nicht nur allerhand zu erlauschen, sondern auch zu erschnuppern, wenn man einmal kleinliche Regungen wie Ekel hinter sich gelassen hat. Tatsächlich stellt sich die Umgebung als eine überwältigende Geruchswelt dar und man wünscht sich Jean-Baptiste Grenouille an die Seite, um ihm sagen zu können, wer braucht schon Paris, das ist doch mal ein Feuerwerk hier, und jetzt geh zurück in deinen Roman, sonst wird’s gruselig. Allein, welch unterschiedliche Aromen unterschiedliche Friteusen absondern, je nachdem, ob darin Pommes, Frühlingsrollen oder Falafel blubbern. Die unterschiedlichen Schweiss-Intensitäten, staffelbar nach Alter und Geschlecht, nach Grad der Alkoholisierung und der Dichte in Kleidungsfasern. Die süßlichen Parfümnebel der Prostituierten, der, im Gegensatz zu seinen Besitzerinnen, nie von der Straße weicht, die Bitterstoffe des Diesels, die längst in den Teer gesickert sind, zu jeder Tageszeit ein schaler Hauch Schnaps, eine Schicht Stadtstaub, aus dem Penny seltsamerweise die spritzige Note von Zitrusfrüchten. Vielleicht das Reinigungsmittel, denn aus dem dm ein wuchtiger Schwall Vanilla-Deo, aus dem Schmidt eine Fahne von Leder und Kaffee, der holzige Hauch, der von den Bänken des Spielbudenplatzes aufsteigt, aus der Ferne manchmal eine Idee von Krebsfleisch. Synästhet möchte man sein, und dann auch wieder nicht, denn das Wechselspiel der Farben wäre womöglich schwer zu ertragen, ohnehin stumpft man ab, muss man sich schon konzentrieren, um all die Nuancen noch wahrzunehmen, für die es übrigens kaum genügend Wörter gibt, geschweige denn, um die feinen Abstufungen der Hauptelemente zu beschreiben. Zumindest wären dafür noch ein paar Seiten Umkreisungen nötig, weshalb ich hier aufhöre, festhaltend nur, dass ich die Herbsterkältung dieses Jahr erst für November bestelle, eine kräftigere dann.



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Zum Wegschmeißen

hamburger gast 2018Posted by Tilman Strasser Tue, September 18, 2018 19:44:15
hardly art, hardly garbage
(no culture icons / The Thermals)


Bei „Grilly Idol“ aß ich einen Blackbean-Patty-Burger, bei „O’Haara“ ließ ich mir die Haare schneiden, trank gar Espresso im „Deathpresso“ und erwähne das alles nur, um vorauszuschicken, dass ich nun wirklich nichts habe gegen Witzelei, auch nicht gegen verunglückte, aus kollegialen Gründen, aber die Sache mit den Hamburger Mülleimern, die geht eindeutig zu weit. An jeder Ecke stehen sie, und das ist ja auch ihr Job, und soweit ist auch alles in Ordnung, aber an jeder Ecke reissen sie auch einen Spruch. Und es sind durchaus gute darunter, auch das ist also nicht das Problem, „Ich bin der Becher der Entleerten“ zum Beispiel, und dass da auch erwartbare dabei sein müssen, ist auch nicht das Ding, „Willst du es mir entsorgen?“ wäre so einer. Schon eher schwierig, dass die roten Blechkübel in ihrer Humorwut ein Selbstwertgefühl offenbaren, wie es selbst für Kannister bedenklich ist, wenigstens rühren Sätze wie „Bin für jeden Dreck zu haben“ oder „Schlag mir den Bauch voll“ an nicht mehr uneingeschränkt heiteren Assoziationsfeldern, aber auch das soll noch kein Grund zur Beschwerde sein. Nein, der Punkt ist, dass sich der höfliche Mensch an allen Ecken und Enden wenigstens zu einem freundlichen Grinsen genötigt sieht, zu einem trockenen Lachen gar oder wenigstens einem gequälten Schmunzeln, weil man schlicht niemanden, der so angestrengt witzig sein möchte, einfach ignoriert. Und weil das auf einem zehnminütigen Spaziergang durch, sagen wir, St. Pauli, schon eine ganz schön anstrengende Nebentätigkeit werden kann, mag es vorgekommen sein, dass kürzlich jemand auf einen der rot lackierten Gesellen zusprang und „HÖR SCHON AUF“ schnappte, „IRGENDWANN IST MAL SCHLUSS MIT LUSTIG“, und dass dieser jemand seitdem einen Umweg auf seinem täglichen Arbeitsweg gehen muss, damit ihn niemand mehr mitleidig oder ängstlich aus umliegenden Ladenlokalen anblickt, und das, ich meine ja nur, ist doch auch nicht im Sinne des Erfinders, hoffentlich nicht.



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Immer Musik

hamburger gast 2018Posted by Tilman Strasser Tue, September 18, 2018 19:05:41
„Es müsste immer Musik da sein“, lautet der legendäre Satz aus dem legendären Film „Absolute Giganten“, von dem ich dachte, es wäre auch der absolute Hamburg-Film, bis sich herausstellte, dass ihn hier niemand kennt (wobei das, wenn ich’s recht überlege, gar nicht so verwunderlich ist, Indianer gucken schließlich auch keine Indianer-Dokus, zumindest nehme ich das an). Jedenfalls sagten wir das in meiner Jugend häufig, „Es müsste immer Musik da sein“, sagten wir und dann versuchten wir so verträumt und unwiderstehlich in die Luft zu schauen wie die Leute von der Leinwand und ich weiß nicht, ob es uns gelang. Was ich inzwischen weiß, ist, dass die Reeperbahn den Satz ernst genommen hat, ich hab’s überprüft: Kein Quadratzentimeter des Kiezes, der nicht aus irgendeiner angelehnten Kneipen- oder Clubtür zu jeder Tages- und Nachtzeit beschallt würde. Wodurch die Frage aufgeworfen wird, was geschähe, wenn aufgrund eines Stromausfalls oder eines Erdbebens oder eines GEMA-Streiks oder einer nuklearen Katastrophe eines Tages alle Boxen ausfielen. Fiele dann auch die Legende von St. Pauli auseinander? Werden die Pflastersteine hier nurmehr von Jonny Cash zusammengehalten, ist Udo Lindenberg der einzige, der die Große Freiheit noch stützt, ginge es mit dem Hamburger Berg bergab, wenn Deichkind nicht mehr erdudeln könnte, klappte die Davidwache zusammen, wenn David Hasselhoff nicht mehr nach freedom lookte? Eine rhetorische Frage, natürlich, denn bevor dies geschähe, würden die Kneipenwirtinnen und -wirte ihre Stimmen erheben, die Koberer würden Kolloraturen schmettern, die Freudendamen würden flöten und die Touristinnen und Touristen stimmten mit ein, und jede und jeder summte und sänge und grölte, dass die geile Meile auf ewig zementiert wäre, denn es müsste immer Musik da sein, das wäre ja klar.

Film ist toll und ganz anders und sieht so aus:


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Schöner Schein

hamburger gast 2018Posted by Tilman Strasser Tue, September 18, 2018 19:02:50
Seit ich als Hamburger Gast an öffentlichen Orten arbeite, bin ich dem Eindruck ausgesetzt, den ich offenbar auf andere mache, wenn ich schreibe. Mir war nicht bewusst, dass ich überhaupt einen mache, ich dachte, ich säße schlicht da und tippte und verschmölze dabei mit der Tapete, aber offenbar tue ich deutlich mehr als das. Um genau zu sein, starren mich immer mehr Menschen irritiert oder angewidert, entsetzt oder belustigt an, und ich muss feststellen, dass ich, im Versuch, ein paar Zeilen von sublimer Schönheit zu verfassen, tief, tief in der Nase bohre. Oder mir die Haare raufe. Die Hände vor den Mund schlage, als hätte ich einen Geist erspäht. Auf meinen Fingern herumkaue, so dass mir Mitleidige schon Erdnussflips gekauft haben. Das alles im vergeblichen Bemühen, auch nur einen geraden Satz zu Papier zu bringen, und beim nächsten wird’s garantiert noch schlimmer, und wenn die Hausbar des Schmidt Theaters nun nie wieder Kundschaft hat, ist’s ein bisschen meine Schuld, und es tut mir fast leid, aber ich hab mir einfach ein paar Seiten versprochen, also müssen wir da wohl durch.

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Die Digger-Dichte

hamburger gast 2018Posted by Tilman Strasser Tue, September 18, 2018 19:01:53
Eineinhalb Monate habe ich geforscht, um zu ergründen, wann junge Hamburger*innen „Digger“ sagen, ist das Wort doch offenbar ein Pubertätsphänomen wie andernorts Akne und sprießen in entsprechendem Alter die Diggers aus den Sätzen wie die Pickel aus der Haut (und nur wenige Unglückselige werden eins von beidem nicht mehr los, und besonders Unglückselige keins von beidem, und warum gibt es eigentlich kein Clerasil für die Grammatik?), und um der Erkenntnis Willen habe ich unzählige Gruppen Jugendlicher belauscht und einige sogar eingefangen, um sie unter Laborbedingungen zu testen, habe Theorien aufgestellt über die Abhängigkeit von Stimmung und Temperatur, den Zusammenhang mit Thema, Geschlecht und Mondphase, um schließlich zu dem Schluss zu gelangen, dass Hamburger Heranwachsende schlicht Digger sagen, wenn der Rest der Welt ein Komma setzen würde, und also Sätze zustande kommen, Digger, in denen, Digger, je nach Komplexität, Digger, viele, Digger, viele, Digger, viele, Digger, Diggers eingebaut werden müssen, Digger, weshalb man von Glück reden kann, Digger, dass durchschnittliche Teenies zur Parataxe neigen. Mit Punkten.



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Ers(t)ma(l)

hamburger gast 2018Posted by Tilman Strasser Mon, September 10, 2018 12:55:43
In meinem Motivationsschreiben für das Stipendium schrieb ich ja (wie keine Zeitung, kein Radiobeitrag zu erwähnen vergaß), ich freute mich auf das Zusammenspiel aus knappem Witz und steifer Brise. Und wenn auch die allersteifsten Brisen ob des Klimawandelsommers und seinem Nachhall noch auf sich warten lassen, ist mir doch schon der ein oder andere einsilbige Gag untergekommen, wovon ich allerdings die spartanische Abschiedsformel, die mir das Organisatorenpaar Ella und Huug jüngst nahebrachte, ob ihrer kaum steigerbaren Lapidarität hervorheben möchte: Statt „Tschö“ also, wie es mir das Rheinland eingetrichtert hat, statt dem bayerischen „Servus“ meiner Kindheit, statt dem münchnerisch-internationalen „Ciao“, und ja, auch statt dem norddeutsch-gezischten „Tschüß“ kann man hier offensichtlich „Erstmal“ statt „Auf Wiedersehen“ sagen. Wobei das allein ja schon eine schöne Schnoddrigkeit wäre, impliziert es doch ein „Soweit erstmal“ oder ein „Erstmal bis hierhin“ und damit eine alle Herzlichkeit geschickt umschiffende (sic!) Formel. Um allerdings bloß nicht zu förmlich rüberzukommen, verschluckt die oder der Sprechende klassischerweise alle unnötigen Konsonanten, weshalb sich das Ergebnis wie „Ersma“ und damit wahlweise wie eine Billigmarke für Dosenmais oder eine ungefährliche, aber ordentlich eklige Geschlechtskrankheit anhört. Nichtsdestotrotz impliziert der Laut, man habe schließlich bis eben schon eine wahrlich wortreiche Konversation geführt und es sei dringend angeraten, den Redestrom einstweilen zu unterbrechen, um ihn, wenn denn absolut nötig, ein anderes Mal fortzuführen - was umso zauberhafter absurder anmutet, als echte Redeströme mit rhetorisch derart Abwehrbereiten kaum in Gang zu bringen sind. Ach. Ich mag das Wort jedenfalls, und wenn ich bedenke, dass ich von drei Wochen Südafrika schon den Surfergruß (ein undefiniertes Wackeln mit der zur Trinkflasche und/oder zum Telefonhörer geformten Hand) mitbrachte, bin ich umso sicherer, mein erstes Hamburger Souvenir erhamstert zu haben.

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